Rezension: Gut Gegen Nordwind von Daniel Glattauer

10:03:00 PM


Autor: Daniel Glattauer
Titel: Gut gegen Nordwind
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Deuticke im Zsolnay Verlag
ISBN-10: 9783552060418 
ISBN-13: 978-3552060418
Preis: 17,90 €
Englischer Titel: Love Virtually
Genre: Belletristik; zeitgenössische Literatur
Themen: E-Mail-Liebe; Gefühle; Ängste
Kaufen?

«Nein, Emmi Sie sind nicht irgendwer. Wenn irgendwer nicht irgendwer ist, dann sind Sie es. Schon gar nicht für mich. Sie sind wie eine zweite Stimme in mir, die mich durch den Alltag begleitet. Sie haben aus meinem inneren Monolog einen Dialog gemacht. Sie bereichern mein Innenleben. Sie hinterfragen, insistieren, parodieren, Sie treten in Widerstreit zu mir. Ich bin Ihnen so dankbar für ihren Witz, für ihren Charme, für ihre Lebendigkeit, ja selbst für ihre "Geschmacklosigkeiten".»
[Daniel Glattauer - Gut gegen Nordwind; S.77]

Erster Satz:
Ich möchte bitte mein Abonnement kündigen.

Inhalt:
Durch einen Tippfehler bei einer E-Mail zur Kündigung eines Abonnements einer Zeitschrift landet Emmi Rothner irrtümlich bei Leo Leike. Immer wieder vertippt Emmi sich, bis Leo sie schließlich darauf hinweist, dass sie sich in der Adresse geirrt hat. Aus den belanglosen, kühlen Mails entwickelt sich bald eine vor Witz und Charme sprühende E-Mail-Bekanntschaft, die sich auf dünnem Eis zwischen Freundschaft und Liebe bewegt. Obwohl die Beiden sich nie gesehen haben, kommen sie sich immer näher und überbrücken durch Worte die Distanz, die jedoch immer spürbarer wird. Immer mehr Fragen kommen auf: Wird es zu einem Treffen kommen? Und wenn ja, wird dieses Treffen den Illusionen standhalten können? Kann sich Liebe im Internet zwischen zwei sich völlig fremden Menschen entwickeln?

Schreibstil:

Daniel Glattauer überzeugt mit einem spritzig witzigen, leichten und absolut charmanten Schreibstil, der den Leser immer wieder zum schmunzeln, nachdenken und wohl fühlen bringt. Dabei schafft er es, seine beiden Protagonisten anders klingen zu lassen und bei jeder Mail lässt sich eine, für den Charakter typische, Sprache erkennen. Mit viel Tiefgang und Wortverdrehern erschafft Glattauer eine Sprache, die schöner und leichter und widersprüchlicher nicht sein könnte. Seine Worte lesen sich so, als wäre jedes Einzelne von ihnen wichtig und man spürt seine Leidenschaft in jeder Zeile. Mich hat sein Schreibstil zumindest von der ersten Zeile an verzaubert und mitgerissen, zum lächeln gebracht und zum träumen.

Meinung:

Immer als ich den Titel «Gut gegen Nordwind» zufällig aufgeschnappt habe, habe ich mir darüber den Kopf zerbrochen, worum es in einem Buch gehen mag, welches besagten Titel trägt. Er macht neugierig und hat mich schlussendlich dazu gebracht, den Klappentext zu lesen. Eine E-Mail-Liebe. Na, ganz super! Das klingt nach einem Cecelia-Ahern-Für-Immer-Vielleicht-Abklatsch. Nichts für mich. Das dachte ich immer wieder, wenn ich mit diesem Buch konfrontiert wurde und nie habe ich geglaubt, dass es mich in irgendeiner Weise interessieren oder fesseln könnte, bis ich es eines Tages dann doch in die Hand nahm und die ersten Seiten las. Mit einer ganzen Portion Skepsis und doch einem gewissen Interesse habe ich das Buch dann gekauft und mich zu Hause direkt drangesetzt.

Und, tja, was soll ich sagen? Was bei Cecelia Ahern ein totaler Fehlgriff war und eher gewollt, als gekonnt wirkte, ist bei Daniel Glattauer eine Explosion der Worte, Gefühle und Gedanken. Eine derart spritzige, vor Charme sprühende Liebesgeschichte hatte ich hinter dem Cover und dem Titel wirklich nicht erwartet. Wie man sich sicherlich schon denken kann, ist das Buch durchgehend in E-Mails zwischen den Protagonisten Emmi und Leo geschrieben, was den Leser natürlich anfangs in Skepsis versetzt. Was jedoch schwierig zu sein scheint, löst der Autor mit so viel Leichtigkeit und Gefühl, dass man es in jeder Zeile spüren kann.

Dieses Buch lebt durch seine unglaublich tollen und tiefgehenden Hauptcharakter Emmi und Leo, die Beide einen sehr erfrischenden Sinn für Humor, Ironie und Sarkasmus haben und wunderbar mit Worten tanzen können. So ist auch der E-Mail-Abtausch wie ein Gewitter aus Worten und Sätzen, absolut schlagfertig und mitreißend. Man spürt hier auch sehr die Gabe des Autors, sich in Menschen hineinversetzen zu können. Jedes Gefühl ist verständlich, glaubwürdig und bringt den Leser immer mehr dazu, sich mit den Figuren zu identifizieren. Ob sich nun die hyperaktive Emmi über den "Hobbypsychologen" Leo lustig macht, oder Leo mal ein Gläschen zu viel trinkt und plötzlich sehr romantisch wird - alles dies zeigt einfach, wie komplex die Charakter sind und wie nah sie an der Realität sind. Sie wirken lebendig und greifbar, was sie sehr authentisch und sympathisch macht.

Natürlich ist «Gut gegen Nordwind» nicht nur witzig und heiter. Zwischen den leichten Worten stecken all die Ängste, die ein Mensch mit Liebe und einer Beziehung verbinden kann. Das Leo und Emmi sich nur auf geistiger Ebene 'kennen', stellt auch ein Problem ihrer Verbindung dar und immer mehr Zweifel und Gedanken kommen auf. So steht nicht nur Emmis Ehemann zwischen der Liebe, sondern auch die aufkommenden Ängste, die Illusionen und die körperliche Distanz.

Nach einiger Zeit kann das Zweifeln und die Frage nach einem Treffen jedoch auch etwas nervig werden. Schließlich geht es zum Ende hin immer mehr darum, was nun aus dieser E-Mail-Liebe werden könnte und so wird die Stimmung dunkler und angespannter. Auch wenn hier die Leichtigkeit fehlt, so ist das doch meiner Meinung nach eine realistische Wendung und es ist verständlich, dass man irgendwann nicht mehr weiter weiß, sich sehen will, aber auch Angst vor den Folgen eines solchen Treffens hat.

Ich für meinen Teil konnte gar nicht genug von dem Hin und Her, Auf und Ab, Witz und Angst bekommen. Das Buch ist so vielschichtig und steckt voller Emotionen, dass man direkt mitgerissen wird. Man fiebert mit, man weint, man lacht, man bekommt Herzklopfen, wenn es zwischen den Beiden knistert und man spürt dieses Ziehen im Bauch, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte. Allein das Ende ist traurig und ein wirklicher Schockmoment - man sollte also Taschentücher bereit halten. (Anzumerken ist aber, dass es einen zweiten Teil gibt!)

Fazit:

Ein Buch voller Widersprüche, voller Angst und Leichtigkeit, Charme und Schwere. Die Geschichte wird den Leser definitiv überraschen und mitreißen, zum Schmunzeln und Weinen bringen und ihn tief berühren. Die Charakter sind wunderbar und zum direkt ins Herz schließen! Schlussendlich lässt sich mit diesem Zitat alles sagen: «... einer der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur...» [Volker Haage, Der Spiegel]


Zum Hörbuch
Das Hörbuch wird von Andrea Sawatzki, die Emmi ihre Stimme leiht und Christian Berkel, Leo, gesprochen und ist eines der schönsten Hörbücher überhaupt. Meiner Meinung nach passen die Stimmen so gut zu den Charaktern und es ist so toll und witzig gesprochen, dass es die Stimmung des Buches wirklich wunderbar einfängt. Der Charme und der Witz kommen sehr gut heraus und verzaubern mich jedes Mal aufs Neue.

Zum Autor
Daniel Glattauer wurde in Wien geboren. Nach seinem Abitur studierte er Pädagogik und schrieb seine Diplomarbeit über »Das Böse in der Erziehung«. Bereits in seiner Freizeit war Glattauer sehr von Literatur angetan und verbrachte viel Zeit mit dem Schreiben von Liedtexten. Eine Zeitlang arbeitete er als Kellner und wurde schließlich Journalist in Österreich. Zu Beginn war er als Redakteur bei der »Presse« tätig und wurde dann für zwanzig Jahre Autor beim »Standard«. Glattauer verfasste diverse Gerichts-Reportagen, Feuilletons, Essays, Kolumnen und hat dag-Glossen auf den Titelseiten verfasst. Schon immer hat Daniel Glattauer seine Zeit zum Schreiben genutzt. Mittlerweile schreibt Glattauer Vollzeit und zusammen mit seiner Familie und fünf indischen Laufenten in einem Landhaus im neiderösterreichischen Waldviertel. Mit seinem Roman "Alle sieben Wellen" gewann er beim "Leserpreis - Die besten Bücher 2009" die Bronzemedaille in der Kategorie Allgemeine Literatur und die Silbermedaille in der Kategorie Romantik. [Quelle: Lovelybooks]

Der zweite Teil

Schon gelesen?

5 Wortmalerei(en)

  1. Eine sehr schöne Rezi ... und ein Gewitter der Worte? Das klingt verdammt gut, sowas mag ich... Das Buch wandert demnächst gleich mal in meinem Einkaufskorb und ach ja... ich hatte doch mal Teil 2 (im Buchladen) in den Händen ... da stand auch irgendwas am Anfang mit einem Vorgänger... der wird dann jetzt bald gekauft. ;)

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  2. Das zweite englische Cover ist ja VIEL schöner! Ist das von der TB-Ausgabe oder sogar das US-Cover?

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  3. @Reni - Bin gespannt, ob es dir auch so gut gefällt. Den zweiten Teil mochte ich sogar noch einen Ticken lieber!

    @StefanieEmmy - Scheint nur die TB-Ausgabe zu sein. Finde es auch sehr viel schöner!

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  4. Schöne Rezension. : )
    Ich persönlich bin ja mit dem deutschen blauen Cover sehr zufrieden, dieses englische rosafarbene Gedudel stopft sich ja gleich Richtung Ahern ..

    Ich hatte das Buch auch ein paar Mal im Buchhandel in der Hand und in meinem Kopf auf die "später mal kaufen"-Liste gesetzt, bekam es aber vor Weihnachten erst nur metaphorisch ans Herz und danach dann ganz real in den Briefkasten gelegt. Und war begeistert.
    Kann mich dir also nur anschließen. Das Ende kam wirklich sehr überraschend und .. gemein! Unfair! Argh!, aber ehrlich gesagt fand ich es gut. Sehr gut sogar. Also das Ende.

    Den zweiten Teil erwartete ich also wie viele andere auch mit einer Mischung aus Vorfreude und großer Skepsis.
    Klar, gut geschrieben, keine Frage. Schöne Momente, lachen, weinen, Herzklopfen, Hoffnung, Enttäuschung, alles dabei. Aber das Ende hat mich sehr enttäuscht. Klar, man hat sich das irgendwie so gewünscht, aber halt .. irgendwie. Die gebrochenen Herzen am Ende des ersten Teils haben mir ehrlich gesagt besser gefallen und sahen den Charakteren auch ähnlicher. Zu .. "unrealistisch" auf seine Art. Unpassend. "Der erste Teil hat sich gut verkauft, wir brauchen einen zweiten und bitte mit dem und dem Ende." So hat sich das angefühlt.
    Für mich zumindest.

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  5. Ja, ja, ja!
    Ich ♥ das Buch.
    Ich ♥ Emmi und Leo.
    Und ich ♥ das Zitat, das du gegeben hast. Das hab ich für meine Rezi auch gewählt.
    Aus dem inneren Monolog einen Dialog machen... *seufz*

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]

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