Rezension: Forbidden von Tabitha Suzuma

7:32:00 PM


Autor: Tabitha Suzuma
Titel: Forbidden
Teil einer Reihe? Nein
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Oetinger
ISBN-10: 3789147443 
ISBN-13: 978-3789147449
Preis: 17,95€
Originaltitel: Forbidden
Genre: Realität; Jugendbuch; Drama
Themen: Inzest; Familie; (verbotene) Liebe; Geschwisterliebe; Verantwortung; Verzweiflung
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«So viele Jungs um mich herum sind nur auf Sex aus. Ich verstehe zwar nicht, was man daran finden kann, wenn keine tieferen Gefühle beteiligt sind, aber das geht mich schließlich nichts an. Und es verurteilt sie auch keiner dafür. Nur, warum darf dann ich nicht mit dem Mädchen zusammen sein, das ich wirklich liebe? Alle anderen dürfen haben, was sie wollen, dürfen ihre Art von Liebe so leben, wie es ihnen gefällt. Ich weiß keine andere Liebe, die so tabu ist wie unsere, obwohl ich mir keine Liebesbeziehung vorstellen kann, die tiefer, leidenschaftlicher, fürsorglicher und stärker wäre, als die Liebe zwischen Maya und mir. Wenn wir gezwungen wären, ohneeinander weiterzuleben, würde uns das einen unvorstellbaren Schmerz zufügen.» 
 [aus "Forbidden" von Tabitha Suzuma; S. 364]

Erster Satz:
Ich starre auf die kleinen, reglosen, verbrannten schwarzen Körper, die das abblätternde Weiß des Fensterbretts sprenkeln.

Inhalt:
Die sechzehnjährige Maya und ihr älterer Bruder Lochan haben ein absolut chaotisches Leben: Während ihre Mutter kaum noch zu Hause ist und ihre Tage und Nächte lieber betrunken mit ihrem neuen Freund verbringt, um sich selbst wieder wie ein Teenager zu fühlen, kümmern sich beide ganztägig um ihre drei jüngeren Geschwister. Diese Aufgabe ist für beide belastend und in ihrem verzweifelten Versuch die Familie zusammenzuhalten, kommen sie sich immer näher, in dem sie sich gegenseitig Mut und Trost spenden. So wird nach und nach mehr aus freundschaftlicher Zuneigung und obwohl beide wissen, dass es verboten ist, entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Doch manchmal fühlen sich Dinge die eigentlich falsch sind, richtig an und manchmal kann es schlimme Folgen haben...

Schreibstil:
Mit einem eindringlichen und gefühlvollen Schreibstil erzählt Tabitha Suzuma aus der Ich-Perspektive von Lochan und Maya eine Geschichte, die genau einen solchen Schreibstil braucht - nämlich einen, der dem Leser nahe geht und die Gefühle, die aufkommen, glaubwürdig schildert und in den Leser pflanzt, sodass sich dieser mit der Thematik auf einer emotionalen Eben auseinandersetzen kann. Tiefgründig und atmosphärisch schreibt die Autorin über eine Familie, die verzweifelt versucht, zusammenzubleiben und über eine verbotene Liebe.

Meinung:
Es gibt Themen auf dieser Welt, über die man nicht spricht - Themen über die man nicht einmal gerne nachdenken möchte. Themen, die so tabu sind, dass sie nicht nur gesellschaftlich, sondern auch gesetzlich verboten sind. Im Alltag wird man eher selten mit solchen Themen konfrontiert, doch eines der schönsten Dinge an Büchern ist, dass sie sich mit vielen dieser Tabuthemen dennoch auseinandersetzen und damit versuchen den Leser zum Nachdenken anzuregen und ihn in die Thematik einführen - denn tabu oder nicht: Gedanken hat sich sicherlich jeder schon einmal zu dem Thema "Inzest" gemacht, welches das Buch "Forbidden" auf sehr einfühlsame und sensible Art und Weise behandelt.

"Wie kann sich etwas so Falsches so richtig anfühlen?" Diese Frage stellen sich während des Buches sicherlich nicht nur die beiden Protagonisten Lochan und Maya, sondern auch der Leser, dem dieses Gefühl sicherlich des Öfteren als kleiner Stich in der Magengegend verdeutlicht wird. Das Besondere an der Geschichte ist einfach, dass nicht nur die Figuren im Buch in einen großen Konflikt geraten, sondern auch der Leser selbst, der langsam beginnt, sich genau die oben genannte Frage zu stellen, auch wenn die Beziehung zwischen Bruder und Schwester anfangs eher befremdlich wirkt. Nach und nach wird man feststellen, dass diese Liebe, die gegen das Gesetz und gegen die Vernunft ist, so rein und echt ist, dass man sich immer unsicherer wird, wo die Grenzen zwischen Verbot und Liebe liegen.

Die Geschichte glänzt gerade durch ihre Aufrichtig- und Schonungslosigkeit. Das Leben, dass die Figuren in dem Drama zu leben haben, ist mitunter eines der schwersten und durch die Konfrontation mit einer Familie, die in der heutigen Gesellschaft leider keine Seltenheit mehr ist, gewinnt die Geschichte stark an Glaubwürdigkeit. Teilweise saß der Schock tief und auch die Wut auf die Mutter der Familie staut sich nach und nach an. Sie ist eine sehr unsympathische Frau, die in ihrem Alkoholproblem und ihrem Egoismus fast nie für ihre Kinder da ist. Doch auch sie charakterisiert eine nicht seltene Rolle in der Gesellschaft und ist somit durchweg glaubwürdig - wenn dies auch doppelt schockierend ist. So bekommt das Buch schon einmal eine sehr traurige und dunkle Grundstimmung, die sich durch die komplette Geschichte zieht und sich eher immer mehr verdüstert.

Die komplette Geschichte ist auf die Familie, d.h. Lochan, Maya, Kit, Tiffin und Willa, fokussiert und beschreibt abwechselnd aus Lochans und Mayas Perspektive den Alltag der fünf Kinder. Hierbei nehmen Lochan und Maya nicht nur die Haupt-, sondern auch eine Elternrolle für die anderen Kinder ein. So sind beide schnell erwachsen und selbstständig geworden, was sich auch in ihrem Charakter zeigt, denn während Maya ihre Lebensfreude irgendwie aufrecht erhalten kann, ist Lochan hingegen sehr introvertiert und hat eine ausgeprägte Sozialphobie. Beide sind sehr interessante und komplexe Charakter, obwohl Lochan noch ein Stück weit mehr Tiefe aufweist. So wirken beide glaubwürdig und dreidimensional und die Liebe, die sich aus geschwisterlicher und freundschaftlicher Zuneigung nach und nach entwickelt, ist auf einer gewissen Ebene verständlich, wenn auch - wie bereits gesagt - oft befremdlich. Doch auch die anderen Charakter wie Kit, Tiffin und Willa sind sehr realitätsnah und charakterlich selbstständig. Vor allen Dingen Kit war ein sehr interessanter und emotionaler Charakter, in dem man womöglich Züge eigener Geschwister auf irgendeine Art und Weise wiedererkennen kann.

Was mir zeitweise etwas zu ausgeprägt war, war die große Dramatik, die beinahe schon theatralisch und kitschig wurde. Natürlich ist die Situation sehr verzwickt und alles andere als leicht, aber die Autorin arbeitet merklich daraufhin, dass es keine Perspektive für Maya und Lochan gibt und so empfand ich auch den Schluss als eher fragwürdig. Das hätte man - vor allen Dingen in einem Jugendbuch - irgendwie anders lösen können, denn es wirkt, als gäbe es nur diesen einen Weg. "Forbidden" ist demnach auch keine Lektüre für zwischendurch. Man muss damit rechnen, dass man oft in einen inneren Konflikt gerät, oft nicht mehr weiß, was man denken soll und man wird schockiert, wütend und traurig sein. Das Buch bringt eine Welle von Gefühlen mit sich, die vermutlich noch eine Weile für Überschwemmung sorgen wird.

Fazit:
Wie sich etwas so Falsches, so richtig anfühlen kann, erfahrt ihr wohl lediglich dann, wenn ihr dieses Buch lest, dass sich sensibel und gefühlvoll mit dem Thema Geschwisterliebe und Inzest auseinandersetzt. Dabei ist es atmopshärisch sehr düster und traurig gehalten und glänzt mit einer glaubwürdigen und erschreckend nahegehenden Geschichte, die dann und wann etwas zu dramatisch und zum Ende hin leider unbefriedigend gelöst ist. Dennoch ist "Forbidden" absolut lesenswert und ein Buch, dass den Leser aufwühlen, rühren und durchschütteln wird, bis er selber nicht mehr so genau weiß, was richtig und was falsch ist.


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5 Wortmalerei(en)

  1. Wow, eine wirklich, wirklich tolle Rezension zu diesem wundervollen Buch! Ich kann dir weitestgehend nur zustimmen und wie du befand ich mich beim Lesen auch oft in diesem seltsamen Zwiespalt - dass es eigentlich "falsch" ist, sich aber vollkommen "richtig" anfühlt.
    Ich suche seit einiger Zeit schon verzweifelt nach weiteren realistischen Jugendbüchern, die solche Probleme ansprechen. Aber bisher hab ich (bis auf die, die ich bereits gelesen habe) leider nichts gefunden...

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  2. Danke :) Welche realistischen Jugendbücher kannst du denn sonst noch so empfehlen?

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  3. "Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis ist sehr empfehlenswert, weil es auch ziemlich kritisch ist. Weiß nicht, ob du das schon gelesen hast?
    Ansonsten: "Das Leben ist keine Pralinenschachte" von Melina Marchetta - welches eins meiner Lieblingsbücher ist. Der Titel in der deutschen Übersetzung ist zwar total bescheuert, aber das Buch selbst ist wirklich toll. Sehr ruhig und lange nicht so aufbrausend wie "Forbidden", dennoch eine sehr schöne Geschichte. "Über mir der Himmel" und "Flüsterherz" waren auch zwei Bücher, die ich in dem Genre ziemlich toll fand.

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  4. Den Märchenerzähler habe ich sogar schon im Regal stehen - allerdings noch ungelesen. Über mir der Himmel und Flüsterherz sind gelesen und für gut befunden :) Vor allen Dingen Über mir der Himmel war ein absolut tolles Buch - die innere Gestaltung ebenso wie der Inhalt. Das Leben ist keine Pralinenschachtel kannte ich noch nicht, werde ich mir jetzt aber direkt bei Amazon ansehen :)

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  5. Ich höre mir gerade eine Hörbuchfassung des Buchs auf Youtube an und kann nur sagen, dass es ein wahninnig bewegendes Buch ist. Danke für die schöne Rezi, bin durch dich erst darauf gekommen! LG Lisa

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]