Die Mary Sues der Literaturwelt. Oder: Perfektion, die nervt.

11:26:00 AM


Sie ist wunderschön, moralisch, macht alles richtig und ist dabei auch noch absolut bescheiden. Jeder liebt sie und der Begriff "Everybody's Darling" ist wie auf sie zugeschrieben. Dabei findet sie sich selbst immer nur mittelmäßig, will nicht im Mittelpunkt stehen oder ihre Perfektion in irgendeiner Weise ausnutzen. Noch dazu ist der schönste, stärkste und intelligenteste Mann in sie verliebt und sie versteht nicht, weswegen das der Fall ist. Ecken und Kanten kennt sie aber trotzdem nicht und wenn wirken diese aufgesetzt und unwirklich.


Liest man sich den oberen Abschnitt durch, stellt man sich den absoluten Unmenschen vor. So gut manche Eigenschaften auch klingen mögen, ebenso nervig sind sie. Ich denke, das vielen beim Lesen dieses Textes auf Anhieb einige Figuren aus Film und Literatur einfallen werden, die all diese Werte vertreten. Mir ist in letzter Zeit verstärkt aufgefallen, dass Romanfiguren - vorzugsweise weibliche Protagonistinnen - das Bild der Mary Sue vertreten und nach einer Zeit derart nervig auf den Leser wirken, dass man beinahe schon selbst Komplexe bekommt. Manchmal möchte man die Figur schütteln und ihr sagen, sie solle endlich mal etwas realistischer werden und dann kommt natürlich auch noch die Frage auf, warum viele Autoren ihre weiblichen Hauptfiguren zu perfekten Barbiepuppen ohne Ecken und Kanten machen, ob sie ein falsches Bild von der Realität haben oder denken, dass diese Figuren dann womöglich greifbarer für den Leser sind?
Das heißt jetzt übrigens nicht, dass die oben gezeigten Bücher schlecht sind. Ganz im Gegenteil. Kuss des Tigers habe ich mit 4 Herzen bewertet und ich muss ehrlich sagen, dass ich immer noch ein wenig in der Geschichte feststecke, aber die Protagonistin Kelsey war schon eine kleine Mary Sue und ihre aufgesetzten Komplexe haben mich teilweise ziemlich genervt. Auch "Die Rose von Arabien" hat mir gut gefallen, aber auch hier war die Protagonistin Finja Schuld, dass der Lesespaß einfach etwas gedämpft wurde. Ich weiß nicht, ob ich das eventuell zu eng sehe, aber mich nerven Charaktere, die den männlichen Gegenpart ununterbrochen in den Himmel loben und sich jede Minute fragen, wie so ein mittelmäßiges Geschöpf wie sie selbst (während sie alles können) ihn nur verdient hat. Ich habe nichts gegen talentierte oder immer fröhliche Menschen, aber ich finde aufgesetzte Komplexe ziemlich fraglich und ein paar Ecken und Kanten sind doch nichts, weswegen man sich mittelmäßig fühlen müsste.

Wie seht ihr das? Bin ich da zu kritisch oder gehen euch die kleinen Mary Sues der Literaturwelt auch manchmal auf den Senkel? Ist euch so etwas auch schon einmal aufgefallen und wenn ja, in welchem Buch oder Film gibt es eurer Meinung nach so eine Person?

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23 Wortmalerei(en)

  1. Uaaah ja, ich kann dir da nur zustimmen. Mary Sues gehen mir auch oft auf den Senkel - leider aber gibt es da auch das genaue Gegenstück, die Kick-Ass-Heldinnen, die ach-so-abgehärtet und perfekt sind. Die nerven mich auch ziemlich.
    Beide Charaktertypen sind einfach doof, weil sie meiner Meinung nach kaum realistisch sind. Die Ecken und Kanten fehlen und vor allem wirken die Figuren dann meist alle sehr austauschbar. Die Königin der Mary Sues ist ja wohl Bella aus Twilight, aber auch Lynn Raven hat eine Gabe dafür, Mary Sues in ihre Romane einzubauen :S Das nimmt einem dann leider immer mal wieder den Spaß daran.

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    1. Stimmt, die Kick-Ass-Heldinnen nerven auch. Diese ganzen unrealistischen Stereotypen nerven und bauen nicht viel Identifikationspotenzial auf und ja - Bella ist die Königin der Mary Sues :D Von Lynn Raven habe ich noch nichts gelesen, aber schon ein Buch auf dem Sub!

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  2. "vorzugsweise weibliche Protagonistinnen - das Bild der Mary Sue vertreten und nach einer Zeit derart nervig auf den Leser wirken, dass man beinahe schon selbst Komplexe bekommt. Manchmal möchte man die Figur schütteln und ihr sagen, sie solle endlich mal etwas realistischer werden und dann kommt natürlich auch noch die Frage auf, warum viele Autoren ihre weiblichen Hauptfiguren zu perfekten Barbiepuppen ohne Ecken und Kanten machen, ob sie ein falsches Bild von der Realität haben" ... köstlich! -lach- Ja, das denke ich mir oft auch. Aber ich glaube, dass kommt dann auch wieder individuell auf den Leser, seine momentane Gemütslage und die Persönlichkeit an sich an. Und natürlich, inwieweit der Autor/die Autorin das ganze hinaustreibt. Eines steht allerdings fest: Ausmerzen wird man dieses Phänomen nicht können.

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    1. Freut mich, dass es dir gefällt :D Das stimmt, das Phänomen wird wohl immer so bleiben, aber trotzdem wollte ich mal meine Meinung dazu in die Runde schmeißen :)

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  3. Ich finde die House of Night Bücher sind ein perfektes Beispiel dafür. Unscheinbares Mädchen, aber gleichzeitig drei (oder vier? Oo) Kerle stehen auf sie. Genau -.- Hat mich wahnsinnig genervt und nach dem zweiten Buch der Serie hab ich dann entgültig aufgegeben.

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    1. Ich habe es sogar bis zum sechsten Buch geschafft und habe es dann auch abgebrochen...Es wird einfach immer unrealistischer,je mehr Kerle dazukommen und sie angeblich lieben^^

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    2. Die House of Night Bücher habe ich nicht gelesen, weil ich schon die Leseprobe grausig fand. Ich glaube, dass ist gar nicht meine Reihe, daher habe ich es direkt gelassen. Habe aber schon gehört, dass das auch ein gutes Beispiel für Mary Sues ist!

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  4. Oh ja das nervt mich auch :) Ich finde es viel sympathischer, wenn Charaktere auch ihre Macken haben und nicht immer 100%ig gut sind.

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    1. Ja, geht mir auch so. Ecken und Kanten gehören einfach dazu!

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  5. Ich muss sagen,da hast du Recht.Mir ist das vor allem bei den Biss-Büchern aufgefallen,im zweiten Buch nachdem Edward wieder auftaucht und Bella sagt,sie könnnte es verstehen,dass er sie verlassen hat weil sie seiner ja nicht würdig sei.Sie glaubt ja deswegen auch,dass es ein Traum wäre.Es gibt Bücher,da macht mir das nur wenig aus,aber oft,wie auch beispielsweise in den Biss-Büchern,nervt es einfach nur.Ich denke in Zeiten der Emanzipation sollte sich jede Frau auch zu ihren Ecken und Kanten stehen.
    LG
    P.S.:Achja,und Bella,falls du das hier irgendwann mal lesen solltest,gebe ich dir einen Tipp:Auch wenn du dich nur mittelmäßig findest und ich dich total nervig finde,dann sei doch einfach froh darüber,dass Edward dich trotzdem will und sei still! :)

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    1. Richtig, den Satz mit der Emanzipation kann ich zu hundert Prozent unterstreichen. Das sehe ich ganz genau so!

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  6. Aber genauso nervig wie Mary Sues sind Gary Stus :D.
    Ich mag solche Figuren auch überhaupt nicht. Besonders nervig wird es dann, wenn sie als "perfekt" beschrieben werden: perfektes Aussehen, super intelligent und natürlich mega beliebt. Ne, ist klar. Ich stell mir nur immer vor, wie so eine Person in Wirklichkeit aussehen soll. Eine perfekte Person, der einfach alles gelingt, die alles kann und immer super aussieht ist doch einfach nur zum Gähnen langweilig, oder?

    Ich lobe es in Rezis meistens, wenn eine Protagonistin/ein Protagonist in einem Buch als "nicht perfekt" dargestellt wird. Im Gegensatz dazu kann eine Bewertung schonmal schlechter ausfallen, weil die Mary Sue mir ein bisschen Lesefreude genommen hat. Kann das wirklich die Absicht eines Autors sein? Also ich konnte mich noch nie mit so einer Barbiepuppe identifizieren.
    Na ja, und diese Mädels, die so unscheinbar sind und dann an jedem Finger nen ultratollen Kerl haben, scheint es irgendwie immer mehr in der Buchwelt zu geben, Himmel hilf...!

    lG

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    1. :D Da hast du recht. Gary Stus sind ebenso nervig, obwohl ich nicht allzu oft von ihnen lese. Aber natürlich werden die männlichen Protas meist als noch perfekter als die weibliche Prota dargestellt.

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  7. Mir geht die Perfektion einiger Romanfiguren auch auf die Nerven, aber wenn sie nichts besonderes wären - warum sollten wir Leser uns dann für sie interessieren?! Ein potentieller Grund dafür, dass sich Autorinnen dafür entscheiden ihre Figuren so goody-goody zu zeichnen.
    Rebellen finden sich eher in Krimis, siehe Lisbet Sallander, die hat ordentlich Eier ;)
    LG, Katarina :)

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    1. Sehe ich auch so. Wenn es zu sehr übertrieben ist, finde ich es zwar auch schlecht, aber ich muss sagen bei der Bella hat mich das gar nicht so gestört. Außerdem sollen die Charaktere in Büchern ja auch etwas "besseres" sein als der gewöhnliche Leser - nicht um die sich schlecht fühlen zu lassen - sondern weil sie nun mal fiktiv sind und jeder weiß, dass das eine erfundene Person ist, denn niemand kann so sein. Daher dürfen fiktive Charakter meiner Meinung nach auch perfekt sein. :-)

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    2. Hm, also besonders sollten Romanfiguren natürlich sein, aber das schließt ja Ecken und Kanten nicht aus. Ich denke nämlich, dass gerade diese Menschen besonders und eigenständig machen. Daher finde ich Perfektion nervig und unrealistsch. Natürlich muss die Person irgendetwas haben, was sie lesenswert macht, aber das muss ja nicht perfekt sein :)

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  8. Hey,
    also bisher habe ich mir ehrlich gesagt gar nicht so viele Gedanken um Mary Sues gemacht. Aber jetzt wo ich sehe, dass auch ein Mary Sue Anteil in Bella steckt, ahne ich, warum ich die Bücherreihe im Nachhinein gar nicht mehr sooo toll fand. (Mal davon abgesehen, hätte ich mich sowas von NIE für Edward entschieden).

    Jetzt, wo ich gerade anfange, über Mary Sues bzw. die männliche Form, nachzudenken, fällt mir eine Person ein: Ich weiß nicht, wie viele von euch nochdie Telenovela "Verliebt in Berlin" kennen. Hier gab e auch den typischen Märchenprinzen David Seidel. Egal, wie verpeilt er war, bzw. wie sehr er Lisa nicht verstanden hat: Letzten Endes hat er sie mit ein paar "schleimigen" Worten doch bekommen. So etwas finde ich dann frustrierend, weil sich der Prinz im realen Leben niefür das Mauerblümchen entscheiden würde.
    Ja, jetzt habe ich erfasst, was ihr meint :)

    liebe Grüße Emma

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    1. Ach klar, Verliebt in Berlin. Das war auch so ein Typ :D Ganz schrecklich. Da konnte ich die Protagonistin auch nicht verstehen, aber gut, ich denke das war Sinn der Serie :D

      Achja: Hätte mich auch NIE für Eddie entschieden :D

      LG

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  9. Ehrlich gesagt, mich stört das überhaupt nicht. Ich lese auch lieber von supertollen, superstarken, überdurchschnittlich hübschen Männern, die Frauen auf Händen tragen und vor Gefahren schützen. Ernsthaft, so was gibts ja auch nicht. Trotzdem ist mir das lieber, als von nem durchschnittstyp zu lesen, der rülpst und in die Kneipe rennt. Ehrlich, so was haben wir doch in der Realität genug. Bücher sind halt Fantasie, und als genau das sehe ich sie an .. ebenso wie ihre Protagonisten :)

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    1. Da kann ich mich leider nur teilweise anschließen. Klar lese ich auch lieder von hübschen und starken Männern, aber wenn die so Macken haben, die eigentlich gar keine sind und deswegen rumheulen (siehe Edward, der ja keine Seele hat und sich deswegen in jedem Kapitel ununterbrochen selbst geißelt!), dann nervt mich das schon sehr. Besonders sollten die Figuren schon sein, aber nicht überperfekt, finde ich :)

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  10. In letzter Zeit ist mir auch aufgefallen, dass Charaktere (vor allem in Fantasy-Romanen) immer und immer mehr als "perfekt" beschrieben werden und es inzwischen kaum mehr Bücher gibt, in denen man auf Charaktere mit Ecken und Kanten trifft. Genau eben aber diese Authentizität ist mir oftmals wichtig, weil man sich ansonsten auch nicht richtig mit den Charakteren indentifzieren kann und ich häufig auch dann ihre Beweggründe für bestimmte Handlungen nicht recht verstehen kann.
    Bei der Bis(s)-Reihe finde ich es wirklich ziemlich übertrieben, bei "Kuss des Tigers" fand ich es dagegen jetzt nicht "so" sehr übertrieben dargestellt, weshalb es mich auch nicht störte. :)

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    1. Ja, in Fantasyromanen scheint das eh gang und gebe zu sein. Frage mich, warum. Mir geht es da auf jeden Fall genau wie dir :)

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  11. Hallöchen!

    Ich habe dich so eben getaggt!=) Mögest du dich daran erfreuen;)

    http://fremdewelt.wordpress.com/2012/06/27/schone-aktion/

    Liebe Grüße!

    Buchheldin

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]

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