[Rezension] Und in mir der unbesiegbare Sommer von Ruta Sepetys

9:42:00 PM


Autor: Ruta Sepetys
Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Teil einer Reihe? Nein. 
Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
Verlag: Carlsen 
ISBN-10: 3551582548
ISBN-13: 978-3551582546
Preis: 16,90€
Originaltitel: Between Shades of Gray
Genre: Zeitg. Literatur; Jugendbuch; Realität
Themen: 2. WK; Litauen; Deportationen; Sklaverei; Hoffnung; Verzweiflung; Tod
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Ich war im Nachthemd, als man mich holte.

Als die sowjetische Geheimpolizei Lina und ihre Familie abholt, steckt die Fünfzehnjährige im Nachthemd und weiß nicht, was auf sie zukommen wird. Gemeinsam mit hunderten von anderen Litauern und getrennt von ihrem Vater, wird sie mit dem Zug quer durch Russland nach Sibirien deportiert und muss auf ihrer Reise die schlimmsten erdenklichen Qualen erleiden. Demütigung, Krankheit und Gewalt quälen die Litauer bis zum Letzten, doch Lina gibt die Hoffnung nicht auf und zeichnet auf allem, was sie findet, um ihren Vater auf ihre Spur zu bringen und ihr Leid zu verarbeiten. Dabei verliebt sie sich nicht nur in Andrius, sondern muss auch schmerzlich lernen, wieviel Leid ein Mensch ertragen kann und die Kraft aufbringen, um all die Qualen zu überstehen...

Ein Buch mit einem Thema, wie diesem, verlangt nach einem zarten und einfühlsamen Schreibstil, der das Leid, aber gleichzeitig auch die Hoffnung wiederspiegeln kann. Und genau das gelingt Sepetys mit einer Mischung aus Poesie, knallharter Realität und diesem leichten Schimmer Wärme, der trotz der eisigen Kälte Sibiriens immer zu finden ist. Zart wie eine Schneeflocke und doch so hart wie Stein erzählt Sepetys von Leid und Qual und dennoch von Hoffnung und Liebe und genau das schafft sie, mit ihrem Schreibstil, zu vermitteln. Atmosphärisch dicht und mit Gefühl nimmt der Schreibstil den Leser an die Hand und führt ihn stützend durch diese Geschichte. Kurz gesagt ist der Schreibstil genau das, was die Geschichte braucht: Nicht blumig, aber dennoch poetisch und nicht umgangssprachlich, aber dennoch auf den Punkt gebracht.

"Bitte nicht schon wieder der Zweite Weltkrieg und die Judenverfolgung." - Diesen Satz hörte ich in meiner Schulzeit seit der 4. Klasse in jedem Jahr in Geschichte. Natürlich ist die Thematik der Deportation der Juden bereits ein plattgetretenes Thema: Eine Millionen Mal durchgekaut, runtergeschluckt und wieder hochgewürgt kommt es einem manchmal vor. Dennoch hat mich das Schicksal dieser Menschen in all den Jahren immer wieder geschockt und mitgenommen, weswegen die Thematik für mich in keinem Fall langweilig oder nervig wurde - und ich finde, das darf sie auch nicht, denn es ist wichtig, an all das erinnert zu werden. "Und in mir der unbesiegbare Sommer" ist eines dieser Bücher, die sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigen, denn es geht um die Deportation tausender Litauer, Finnen, Esten und Letten, deren Schicksal nicht minder grauenvoll als das der Juden ist.

Müsste ich die Geschichte um Lina mit einer Sache vergleichen, wäre sie für mich eine kleine, zerbrechliche Blume im tiefsten Winter (so wie auf dem UK-Coer), die sich durch die dicke Decke aus Eis kämpft, immer wieder verliert und sich dennoch wieder aufrappelt. Denn genau so wirkte diese gleichermaßen berührende und schockierende Geschichte auf mich. Trotz der ständigen Gänsehautschübe, die über meine Haut jagten, schlich sich in manchen Szenen diese Hoffnung in mein Herz, die auch Lina ergriff. Es ist einfach eines jener Bücher, die tausend Emotionen im Leser auszulösen wissen und dieses löst eine ganze Palette an Gefühlen aus: Wut, Hass, Verzweiflung, Trauer, Verständnislosigkeit, Angst, Hoffnung, Liebe, Leid und das sind noch nicht alle. Unvermeidbar ist auch die ein oder andere Träne, ausgelöst von jedem der eben aufgezählten Gefühle.

Das wichtigste Detail dieser Geschichte sind zweifellos die Charaktere, allen voran Lina, die Protagonistin, die dem Leser schon mit den ersten Sätzen ans Herz wächst. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit, die sich trotz ihrer Angst nicht kontrollieren lässt und für sich und ihre Nation einsteht. Sie lässt sich nicht unterkriegen, ganz egal, wie oft sie zu Boden geworfen wird. Das macht sie zu einer unverwechselbaren Figur, für die man hofft und betet, mit der man mitfiebert und leidet. Eine absolute Sympahtiefigur gibt es nicht, denn obwohl manche der Deportierten rau und hart sind, möchte man sie alle beschützen und retten. Daher hatte jede Figur (ganz abgesehen von der sowjetischen Geheimpolizei - obwohl es da eine Ausnahme gibt) ganz besondere Seiten, die sich mit der Zeit im Leid natürlich veränderten. Jeder Charakter stand für sich selbst und hatte seine eigene Handschrift, was der Autorin wirklich ausgezeichnet gelungen ist. Tiefe und Dreidimensionalität findet man hier in jeder Figur, was die Geschichte auch braucht.

Gemeinsam mit Lina lernt man die Menschen und ihre Schwächen und Stärken kennen und wie sie in Extremsituationen reagieren. Man beobachtet die Kälte und Herzlosigkeit einiger, denen man mit Verständnislosigkeit entgegengeht und man findet in all der Machtlosigkeit Hilfe und Hoffnung. Glaubhaft und Realistisch zeigt Sepetys, wie sich Menschen im Leid verändern, wie der Wahnsinn und der Tod beieinanderliegen und wie auch vermeintlich durch und durch schlechte Menschen Herz beweisen. "Und in mir der unbesiegbare Sommer" erzählt von der Kraft der Liebe, vom Zusammenhalt und einer Stärke, die man nur bewundern kann. Außerdem schießt die Geschichte mit Pfeilen in Bauch und Herz und spült den Leser mit einer Welle nach der anderen immer wieder um und zeigt die knallharte Realität, die man sich nie und nimmer richtig vorstellen kann. Dennoch ist es ein erster Schritt, zu versuchen das Leid dieser Menschen nachzuvollziehen und sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, was mit ihnen geschehen ist.

Genau wegen diesen Tatsachen war das Ende für mich eher enttäuschend, denn plötzlich ging es ganz abrupt zu Ende, was ich einerseits nachvollziehen kann, andererseits aber auch sehr schade finde, denn hier hätte man nach all dem, was passiert ist, noch ein wenig weiter ausholen können. Das Buch endet zwar mit Hoffnung und führt so sicherlich auch dazu, dass ein bittersüßer Nachgeschmack und eher das Leid in Erinnerung bleibt, jedoch hätte ich mir einfach gewünscht, die Menschen, die mir während der Lektüre derart ans Herz wachsen konnten, endlich frei zu sehen. Ich hätte mir gewünscht von der Befreiung zu lesen und dem Wiedersehen zwischen Lina und Andrius. Ich hätte gerne gesehen, wie es allen nach der Sklaverei ergeht, auch wenn das Leid natürlich nie ganz verschwinden wird. Nachdem man so viel mit den Figuren erlebt hat, hätte ich mir letzten Endes einfach ein wenig mehr erhofft. Allerdings ändert das Ende auch nicht sehr viel an der Geschichte, denn letztendlich erzählt es von Hoffnung und das ist schon einmal etwas sehr Wichtiges. Den Rest kann man sich selbst zusammendenken, auch wenn es mir Schwarz auf Weiß noch besser gefallen hätte.

 
Trotz der unendlichen Kälte, weiß Lina, dass sie einen unbesiegbaren Sommer in sich trägt und von dieser unbesiegbaren Wärme und Kraft erzählt die Geschichte um eine Thematik, die sicherlich nie wirklich plattgetreten ist, ganz gleich, wie oft man auf ihr herumtrampelt. "Und in mir der unbesiegbare Sommer" ist eine Geschichte, die den Leser mit Emotionen überrollt und von der Kraft der Menschen erzählt, den Leser an der Hand nehmend und ihm Leid und Schicksal zeigend, weiß sie zu berühren und mit sich zu reißen, denn das Buch lässt einen nicht einmal dann wirklich los, wenn man die letzte Seite umblättert und die letzten Sätze verschlingt. Poetisch und dennoch knallhart, mit tiefgründigen Figuren und einer Geschichte, die unter die Haut geht, ist "Und in mir der unbesiegbare Sommer" ein Buch, dass ich sicherlich nicht so schnell vergessen werde und dass ich jedem ans Herz lege.


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4 Wortmalerei(en)

  1. Die Cover der anderen Ausgaben finde ich auch sehr schön, alle etwas schlichter gehalten. Das Buch hört sich richtig schön an und werde es gleich auf meine Wunschliste setzen. Das Ende hört sich ja allerdings nicht ganz so gut an...

    LG Anni

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  2. Ich habe dich getaggt :)
    http://ninasbuecher.blogspot.de/2012/06/tag-8-dinge-uber-mich-zum-thema-urlaub.html

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  3. Bei mir liegt es auf den SuB und kommt sicher in den Sommermonaten dran!!!
    LG
    Martina

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  4. Das Buch klingt ja sehr interessant. Vielen Dank für diesen Tipp. Muss ich dringend auf die Wunschliste setzen. Ab und zu lese ich solche Geschichten doch ganz gerne. Wunderschöne Rezension.

    Liebe Grüße, Diti

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]