[Rezension] "Nevermore" von Kelly Creagh

6:18:00 PM



Edgar öffnete das linke Auge einen Spalt weit.

 
Isobel Lanley hat alles, was man sich wünschen könnte. Sie ist Cheerleaderin, Freundin des Footballstars Brad und Mitglied der beliebtesten Clique der Schule. Als sie dann unweigerlich Projektpartnerin des verschrobenen und unbeliebten Varen Nethers wird, fangen die Probleme jedoch an. Die beiden sollen einen berühmten Schriftsteller Amerikas vorstellen und entscheiden sich für den Autoren des Grusels schlechthin, Edgar Allen Poe. Da sie sich öfter mit Varen treffen muss, um das Projekt vorzubereiten, wendet sich ihre Clique und ihr Freund gegen sie und Isobel steht schließlich alleine da. Noch dazu versteht sie sich absolut nicht mit Varen, der merkwürdig und unheimlich auf sie wirkt. Als sie schließlich von unheimlichen Wesen verfolgt wird und ein Mann in schwarz ihr immer öfter auflauert, muss Isobel feststellen, dass Varen in seiner eigenen Traumwelt lebt, die viel mit dem mysteriösen Tod Poes zu tun hat und Isobel weiß: Nur sie kann Varen jetzt noch retten.

Kelly Creaghs Schreibstil ist ein großer Pluspunkt der Geschichte, wird ihr aber im Verlauf der Geschichte zum Verhängnis. Einerseits schreibt sie sehr sicher und zum Teil auch poetisch. Auch atmosphärisch schafft sie es gekonnt, eine besonders düstere Stimmung an den Tag zu legen. Allerdings ufern ihre Beschreibungen des Öfteren aus, sodass sich der ohnehin schon 560 Seiten schwere Roman noch weiter unnötig in die Länge zieht und ungefähr so zäh ist, wie ein altes Kaugummi. Daher ging für mich ein großteil der Spannung und Atmosphäre verloren, was wirklich nicht hätte sein müssen.

 
Es gibt diese Bücher, die man schon mögen will noch bevor sie erschienen sind. Das kann einerseits mit einer besonders guten Resonanz der Originalausgabe, andererseits aber auch mit einer schönen Covergestaltung zu tun haben. Was auch immer es ist, man hat das Gefühl, man müsse dieses Buch um jeden Preis besitzen und lesen - und vor allen Dingen gut finden. "Nevermore" ist eines dieser Bücher, welches ich unbedingt mögen, ja fast schon lieben wollte, als ich es bekam. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Leserstimmen zu dem Buch und ich war gespannt darauf, wie sehr mir das Buch gefallen würde - denn ich ging eigentlich felsenfest davon aus, dass ich es mögen würde. Wie das aber nun mal eben ist mit dem Denken und den Erwartungen widersprechen sie meist der Realität und so war es auch in diesem Fall, denn plötzlich häuften sich die Leserstimmen, die sagten: "Entweder man liebt dieses Buch oder man hasst es." Da wurde ich skeptisch. Ich weiß nicht, was es genau war - die Skepsis oder die hohen Erwartungen, auf jeden Fall hat mir dieses Buch nicht so gut gefallen, wie ich es erwartet hatte.

Ich kann weder sagen, dass ich das Buch liebe, noch, dass ich es hasse, denn das Problem ist einfach, dass ich absolut keine emotionale Bindung zu der Geschichte habe und es mir um ehrlich zu sein relativ gleichgültig war, wie sie voranschreiten würde. Ich war über jeder Seite froh, die ich gelesen hatte, weil ich das Buch so schnell wie möglich beenden wollte. So lag das Buch mit dem schönen Cover wochenlang auf meinem Nachttisch und spukte mit nervtötend im Kopf herum, weil ich es einfach nicht mag, wenn Bücher angebrochen herumliegen - vor allen Dingen, wenn es Rezensionsexemplare sind. Nun stellt sich natürlich die Frage, was es denn war, was diese negative Haltung gegenüber dem Buch erklärt, aber ehrlich gesagt kann ich das selbst gar nicht so hunderprozentig sagen. Es gibt da so einige Punkte, die mich störten und das Buch für mich nicht sonderlich lesenswert machten:

  • Distanz. Das ist wohl einer der Punkte, die hauptsächlich für meine Bewertung verantwortlich sind, denn das Buch ist meiner Meinung sehr distanziert zum Leser geschrieben, sodass es mir kaum möglich war, die Protagonistin wirklich zu mögen oder generell irgendetwas für sie zu empfinden. Die Geschichte spielt auf einer Ebene, die mich leider nicht erreichen konnte und so blieb ich auch für das dramatische Geschehen eher desinteressiert.
  • Der Handlungsverlauf war ebenfalls eine größere Problematik, denn obwohl Kelly Creagh einen sehr angenehmen Schreibstil an den Tag legt, den sie in einigen Szenen mit viel Gefühl einzusetzen weiß, verliert sie sich doch zu oft in Details und unnötigen Handlungssträngen, die für die Geschichte nicht relevant waren. Das hat schnell dazu geführt, dass ich einige Seiten nur überflogen habe und mir die Geschichte einfach zu zäh voranging. Die von vielen Seiten versprochene Spannung blieb daher für mich aus.
  • 2. Teil
  • Die Figuren blieben für mich weitgehend blass. Allen voran Isobel, zu der ich partout keine Bindung aufbauen konnte. Anfangs wirkte sie wie die klischeeüberhäufte Cheerleaderin, was sich im weiteren Handlungsverlauf jedoch als falsch herausstellte, denn Isobel handelt bald nicht mehr so, wie man es von ihr erwartet hätte. Das hat sie für mich aber irgendwie auch nicht mehr sympathisch gemacht, eher im Gegenteil. Viele der Dinge, die sie getan hat, blieben unverständlich und was mich noch dazu besonders störte, war die typisch amerikanische Haltung der Eltern, Lehrer, etc. Auch mit Varen wurde ich nicht wirklich warm, obwohl er schon deutlich interessanter daherkommt als Isobel. Im Gegensatz dazu gefiel mir aber Pinfeathers wieder ziemlich gut, der sehr lebending beschrieben wurde und einfach ein wenig Pepp und auch den versprochenden Gruseleffekt brachte.
  • Ein roter Faden blieb meiner Meinung nach irgendwie aus. Während ich das Buch las, hatte ich das Gefühl, dass selbst die Autorin nicht so wirklich wusste, wo das alles hinführen sollte und so fühlte ich mich mehr als einmal verloren in der Geschichte, was dazu führte, dass mir auch der Antrieb fehlte, sich weiterzulesen.
  • Es bleiben zu viele Fragen offen. Normalerweise finde ich es gut, wenn nicht alles direkt erklärt wird, aber hier blieb für mich am Ende einfach nur ein riesengroßes Fragezeichen, weil so gut wie nichts erklärt wird. Ich hätte gehofft, dass Creagh hier mehr auf die Traumwelt eingehen würde, die mich nämlich sehr viel mehr interessiert hat, als der Rest. Sie hätte so viel mehr aus dieser herausholen können, ebenso aus der Poe-Thematik und den Ghulen. 
  • Die Gefühle zwischen Isobel und Varen kamen aus dem Nichts und waren daher unglaubwürdig. Pluspunkte gibt es dafür, dass dies nicht auf der ersten Seite geschah, aber dennoch habe ich die plötzliche Gefühlswandlung absolut nicht nachvollziehen können, was mich wirklich gestört hat. Erst herrscht zwischen den beiden kriegsähnliche Stimmung und dann, ganz plötzlich, merkt Isobel, dass sie mehr für ihn empfindet - andersherum ebenso.

Die Geschichte bietet dennoch einiges an Potenzial, dass aber für mich nicht genutzt wurde. Positive Punkte waren für mich beispielsweise die Traumwelt, in die Varen sich flüchtet, die szenenweise wirklich toll und verträumt beschrieben wurde, sowie die Thematik rund um Edgar Allen Poe. Ich fand es toll, wie immer wieder Elemente des Gruselautors in die Geschichte eingewebt worden sind und dieses ganze Mysterium um seinen Tod aufgegriffen wurde. Aber auch hier haben mir die Bezüge weitgehend gefehlt, was aber wahrscheinlich im zweiten Teil aufgeklärt werden wird. Eine weitere positive Eigenschaft des Buches ist die düstere Stimmung, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. So ist sie stellenweise durchaus atmosphärisch, allerdings wird diese Atmosphäre durch die vielen unnötigen Szenen leider oft verschenkt.

 
Es gibt Dinge, die einfach nicht funktionieren - eines davon ist, Bücher mögen zu wollen, obwohl sie noch nicht einmal erschienen sind und gerade diese Ansprüche, die sich dadurch an "Nevermore" entwickelten, konnte das Buch nicht tragen, da es zwar Potenzial, aber viel zu viele Schwächen hat. Eine originelle Idee wurde hier leider mehr schlecht als recht umgesetzt und wird mit einem zähen Schreibstil und zu vielen unnötigen Ideen in die Länge gezogen. Unglaubwürdige Figuren, die teilweise unverständlich handeln und die typisch amerikanische Moral ausleben, haben dazu geführt, dass ich nur wenig Lust hatte, die Geschichte um Isobel und Varen zu Ende zu lesen. Pluspunkte des Plots sind beispielsweise die Traumwelt und die Idee ansich, die aber letztendlich an der Umsetzung scheiterte.


 

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11 Wortmalerei(en)

  1. Hey :)
    Gute Rezi,bei diesen Buch war ich mir immer unsicher ob ich es mir hole oder nicht.... aber jetzt werde ich es mir definitive nicht mehr holen^^

    Liebe Grüße

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    1. Danke, aber wer weiß, vielleicht gefällt es dir ja doch besser als mir!

      Liebe Grüße,
      Marie

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  2. Ich bin bekennender "Nevermore"-Fan (habe das Buch geliebt, als ich die Orginalausgabe damals gelesen habe und lange auf eine Übersetzung gehofft, weil so ein toller Roman meiner Meinung nach einfach viel mehr Leser verdiente ... Als diese dann kam, habe ich mir auch noch die deutsche Fassung geholt, was ich sonst eigentlich nie tue ;-)).
    Gerade darum fand ich es sehr interessant, eine ganz andere Meinung zum Buch zu lesen und finde, dass du alles sehr gut begründet hast! Man kann sehr gut nachvollziehen, was dich gestört hat, ohne dass du das Buch an sich verdamen oder die Autorin schlecht machen würdest, wie man es leider in manchen negativen Rezis (egal zu welchem Buch) findet und was ich persönlich immer sehr schade finde :/

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    1. Habe ja auch immer ein mulmiges Gefühl dabei, negative Rezis hochzuladen, weil ich weiß, dass viele da allergisch drauf reagieren und das direkt als persönliche Beleidigung ansehen. Daher bin ich echt froh über deinen Kommentar :) Danke!

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    2. This comment has been removed by the author.

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    3. Das kenne ich gut :) Ich konnte z.B. mit "Die Bestimmung" ganz wenig anfangen und hatte auch dieses mulmige Gefühl, als ich die Rezi dazu dann reingestellt habe, weil der Roman viele begeisterte Leser hat. Aber es kamen dann nur nette und interessierte Antworten, auch wenn die Leute das Buch viel besser fanden als ich.
      Bei Amazon habe ich da leider andere Erfahrungen machen müssen (zum Teil bei eigenen Rezis, zum Teil konnte ich beobachten, wie andere Rezensenten für ihre - fairen und wirklich gut geschriebenen - negativen Rezis runtergemacht wurden). Das finde ich immer schrecklich und bin froh, dass ich das auf Blogs bisher noch nicht miterlebt habe!
      Ob man ein Buch nun sehr gut findet, mittelmäßig oder sehr schlecht, sollte den Leuten doch egal sein, so lange man seine Meinung gut begründet und dabei niemanden verletzt (so nach dem Motto "Alle, die dieses Buch mögen, haben keinen Geschmack" oder "Ihr seid ja ja nur zu dumm um zu erkennen, wie gut das Buch ist". In ähnlicher Form leider schon zu oft bei Amazon gelesen -.-)).

      Liebe Grüße

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    4. Mit "Die Bestimmung" hatte ich auch so meine Probleme. Zwar fand ich die Geschichte letztendlich gut, aber dennoch hatte ich vieles zu kritisieren.

      Du hast recht, bei Amazon lese ich auch immer die wildesten Kommentare und bin echt oft schockiert, wie respektlos manche Menschen sind. Ich finde allerdings auch das Bewertungssystem ein wenig nervig, weil diejenigen, die Rezis als nicht hilfreich bewerten nie schreiben, was ihnen denn nun nicht gefallen hat und da bekommt man das Gefühl, sie hätten einen nur schlecht bewertet, weil man das Buch nicht so gemocht hatte, wie sie selbst oder andersrum.

      Ich sehe das genauso wie du und habe auch schon oft gesehen, wie so etwas ausarten kann, was ich echt traurig finde. Verstehe nicht, wieso man Meinungen nicht einfach akzeptieren kann.

      Liebe Grüße,
      Marie :)

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  3. Wirklich wirklich schade, dass dir das Buch nicht so gut gefallen hat. Vor allem weil ich ein ultimativer Fan des Buchs bin (nachdem ich es von Kathriona empfohlen bekommen hab) und es auf Englisch verschlungen habe. Da habe ich mich umso mehr gefreut, dass es übersetzt wird, sodass sich mehr deutsche Leser das Buch zu Gemüte führen können.
    Ich kann deine Kritikpunkte aber durchaus nachvollziehen und kann mir gut vorstellen, dass du das als störend wahrgenommen hast.
    Meinst du denn, du wirst es mit Teil 2 noch mal versuchen (vor allem wegen der Aufklärung bestimmter Fragen) oder lässt du es lieber?

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    1. Ja, das finde ich auch. Wie schon geschrieben, ich hätte es gerne gemocht, aber da muss man ja ehrlich sein :P
      Das mit dem zweiten Teil... Puh, ich weiß nicht. Einerseits würde es mich ja schon interessieren, andererseits bin ich mir echt unsicher. Mal sehen, ich werd das nach Lust & Laune machen!

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  4. Kritische und ehrliche Rezi. Konnte die angeführten Gründe sehr gut verstehen. Schade das die gute Grundidee so 'schlecht' umgesetzt wurde.

    LG
    Lilly

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]