|Rezension| "Der Menschenmacher" von Cody McFadyen

10:00:00 AM

























Sie fuhr hoch, als sich eine Hand auf ihr Gesicht legte, die in einem Handschuh steckte, und Mund und Nase bedeckte, sodass sie keine Luft mehr bekam.

David, Allison und Charlie verbindet eine grausame Vergangenheit: Adoptiert von einem Mann, den sie "Dad" nennen müssen, wurden sie jahrelang misshandelt und gefoltert, um zu "evolvieren" - zu Übermenschen zu werden. Als sie dem grausamen Schicksal endlich entkommen können, trennen sich ihre Wege, doch nicht ohne ihre Vergangenheit immer auf den Fersen zu haben. Als dann Jahre später alle drei ein Video erhalten, in denen Frauen auf grausame Art und Weise missbraucht und ermordet werden, finden sie wieder zueinander, denn die Morde scheinen irgendetwas mit ihrer Vergangenheit zu tun zu haben. Ist "Dad" in Wirklichkeit gar nicht tot? Ein rasantes Rennen gegen die Zeit beginnt, in dem David, Allison und Charlie der Realität ins Auge sehen müssen und schon bald erfahren, dass nicht immer alles so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint...

In Cody McFadyens Art zu Schreiben treffen immer mehrere Extreme aufeinander. Auf der einen Seite steht die grenzenlose Schönheit des Lebens und die Liebe und auf der anderen steht im brutalen Gegensatz dazu die Hässlichkeit der Welt, inklusive Mord und Missbrauch. Es ist eine ganz besondere Weise, mit der McFadyen diese zwei Seiten immer wieder gegenüberstellt und diese vor allen Dingen auch in seinen Schreibstil einwebt. Seine teilweise poetische und philosophische Schreibweise steht dabei im krassen Kontrast zu der Gewalt, die die Geschichte dominiert. Er hat einfach diese Gabe, tiefgründig und gleichzeitig ganz platt die Dinge beim Namen zu nennen, sodass sie obszön und gleichzeitig auf eine skurrile Art schön wirken. Ansonsten liest sich seine Schreibe flüssig und angenehm mit so einigen interessanten Denkanstößen, wie man es schon aus der Smoky-Barret-Reihe kennt.

Bei manchen Autoren wüsste man gerne, wovon diese eigentlich Nachts so träumen, von anderen allerdings will man es lieber nicht wissen. Cody McFadyen ist so ein Kandidat von dem ich es lieber nicht wissen möchte, denn er schreibt frei nach dem Motto: Schlimmer geht's immer! Und er beweist dieses Motto jedes Mal wieder, in dem er sich an Brutalität fast selbst übertrifft. Dies macht er allerdings auf eine derart interessante und auffällige Art und Weise, dass das Buch neben der Gewalt auch einen anderen Aspekt aufweist, der ihm diese Prise Besonderheit verleiht. Immer wieder stellt er der Gewalt und Brutalität, Liebe und Schönheit entgegen, sodass ein besonderes Bild entsteht, dem man sich nur schlecht entziehen kann. Dennoch weist diese etwas andersartige und gewagte Geschichte von McFadyen auch einige Schwächen und Makel auf, die das Gesamtbild verschlechtern.

Warum? Weil "Der Menschenmacher" anders ist. Er unterscheidet sich 1. von Cody McFadyens anderen Büchern und 2. auch von jeglichen anderen Thrillern, die ich bisher gelesen habe, einfach weil, die Geschichte nicht dem typischen Thrillerfaden folgt - ganz im Gegenteil. Sie ist ganz eigenständig, beginnt irgendwo und erzählt die Geschichten dreier Menschen, die schließlich zusammentreffen und ein einzelnes Schicksal ergeben. Außerdem spielen viele verschiedene Themenbereiche eine Rolle - es geht nicht "nur" um Mord und die Verfolgung des Mörders, es wird viel tiefgründiger. Kinderprostitution, Missbrauch, Gefangennahme und Familie, Vertrauen und Liebe
mischen sich in die Hauptgeschichte ein und ergeben einen bitteren Beigeschmack.

Anders als bei den Barrett-Fällen, ist der Menschenmacher in der dritten Person aus den verschiedensten Sichten geschrieben, sodass es so wirkt, als wolle McFadyen sich ein wenig austesten. Bei den ganzen Perspektiven, die er aufzeigt, fällt es manchmal schwer zu wissen, wer da gerade spricht - mal ganz davon abgesehen, dass es ebenso schwierig ist, eine emotionale Bindung zu den verschiedenen Charakteren aufzubauen. Um es platt und deutlich zu sagen: Jeder in diesem Buch ist verkorkst. Es gibt niemanden, der eine normale Kindheit hatte oder nicht in irgendeiner Art und Weise gequält wurde, sodass die Geschichte von einer düsteren Atmosphäre umhüllt wird. Zwar wird alles verständlich und dreidimensional beschrieben - trotzdem ist man von dem vielen Leid fast schon übersättigt. Die dunkle Stimmung umfängt einen zu sehr, nimmt den Leser gefangen und lässt ihn kaum los. Die Figuren an sich sind sympathisch, schaffen es aber nur bedingt in mein Herz. Dafür ist der ständige Perspektivwechsel verantwortlich, der eine leichte Distanz schafft.

Das Buch folgt keinem roten Faden, zumindest keinen erkennbaren. Ständig bringt McFadyen Rückblenden und andere Perspektiven ein, die die Haupthandlung ein wenig in den Hintergrund weichen lässt, auch wenn alles zusammenhängt. So zieht sich manches ein wenig, auch wenn die Geschichte durchweg interessant und spannend ist - manches hätte man hier einfach kürzer gestalten können, zudem das Ende für den großen Vorspann dann leider sehr dürftig ist. Alles, was über Seiten aufgebaut wurde, wird mit wenigen Seiten aufgelöst und hinterlässt ein unbefriedigtes Gefühl. Zu wenig wurde erklärt, manches wurde gar nicht mehr beachtet und mir fehlte einfach eine ausführliche Beschreibung der Aufklärung, da vieles etwas zu hochgestochen beschrieben wurde und mir so nicht ganz klar wurde.

Aus dieser Geschichte hat Cody McFadyen ein besonderes Leseerlebnis geformt, dass storytechnisch zwar nicht immer perfekt ist, vom Schreibstil her aber definitiv seinesgleichen sucht. Wer etwas schwächere Nerven hat, sollte vielleicht lieber den nächsten Liebesroman lesen, denn McFadyens Idee von Brutalität und Gewalt ist unvergleichlich - ebenso wie die Art, wie er damit umgeht, da er immer zwei Extreme gegenüberstellt und den Mensch mit all seinen Fehlern und Makeln, aber auch mit seiner Schönheit unverblümt darstellt. Die Distanz, die durch die Perspektive aufgebaut wird, ist zwar nicht schön, ändert aber nichts daran, dass die Geschichte durchweg spannend und interessant ist, wobei ich mir am Ende etwas mehr gewünscht hätte. Insgesamt auf jeden Fall lesenswert, wenn auch schwächer bzw. kaum vergleichbar mit der Smoky-Barrett-Reihe.


Cody Mcfadyen, geboren 1968, unternahm als junger Mann mehrere Weltreisen und arbeitete danach in den unterschiedlichsten Branchen. Der Autor ist verheiratet, Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Kalifornien. "Die Blutlinie" war sein erster Roman und sorgte weltweit für Aufsehen. In Deutschland war der Thriller wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Mit "Der Todeskünstler" hat er die außergewöhnliche Thriller-Reihe um Smoky Barrett fortgesetzt. "Das Böse in uns" ist sein dritter Roman mit der Protagonistin. [Quelle: Bastei Lübbe]

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]