|Rezension| "Rush of Love: Verführt" von Abbi Glines

9:18:00 PM



Wo ich herkam, standen alte Trucks mit großen erdverkrusteten Rädern vor den Häusern, in denen eine Party stieg.

Nachdem ihre Mutter gestorben ist und Blaire das Haus verkaufen musste, bleibt ihr lediglich ihr Vater, der vor Jahren abgehauen ist und sich eine neue Familie gesucht hat. Als sie jedoch in der luxuriösen Villa ankommt, ist ihr Vater nicht da  - dafür allerdings der gutaussehende Rush, der nichts anderes zu wollen scheint, als Blaire wieder loszuwerden. Und doch ist da diese Anziehungskraft, die von ihm ausgeht und die Blaire immer mehr fasziniert. Bis sie sich eine eigene Wohnung finanzieren kann, erlaubt Rush ihr, bei ihm zu wohnen und langsam aber sicher bemerkt Blaire, dass Rush irgendein Geheimnis hinter seiner erotischen Ausstrahlung verbirgt - ein Geheimnis, dass mehr mit Blaire zu tun hat, als sie es sich vorstellen könnte.

Abbi Glines Schreibstil ist definitiv etwas für Schnellleser. Er lässt sich flüssig und - Achtung, Überraschung! - schnell lesen, sodass die Seiten nur so fliegen. Das war's allerdings auch schon, denn viel mehr gibt Glines Schreibstil dann doch wieder nicht her. Zwar kann sie erotische Szenen durchaus gut beschreiben und scheut nicht davor, Worte wie "Penis" zu benutzen (was ja fast an ein Wunder grenzt!), Besonderheiten weist ihre Schreibe dafür aber trotzdem nicht auf. Dennoch liest sich das Buch verblüffend gut, wenn auch die familiären Verstrickungen oft zur Verwirrung führen.

Sex sells! Nachdem E.L. James es vorgemacht hat, dürfte auch den meisten anderen Autoren klar geworden sein, dass die schönste Nebensache der Welt durchaus etwas in Büchern zu suchen hat und
Begeisterungswellen in der ganzen Welt auszulösen scheint. Es wirkt beinahe, als wäre eine Barriere durchbrochen worden, die nun jedem klar macht, dass es so etwas wie körperliche Liebe tatsächlich gibt und das darüber zu schreiben längst kein Tabuthema mehr ist - in jeglicher Hinsicht. Das dachte sich dann wohl auch Abbi Glines, die ihre Sexphantasien nicht mehr für sich behalten konnte und uns mit einem weiteren Paar erfreut, dass Meister im Matrazensport ist. Und wo Verführung und Sex sind, kann das Drama natürlich nicht weit entfernt sein!

Generell scheinen derartige Bücher immer mit denselben Klischees einherzugehen - reicher, ungezähmter und sexsüchtiger Schönheitsgott verliebt sich in naives, tiefgründiges Mädchen, das sich seiner Attraktivität in keinster Weise bewusst ist und lässt diese sogar als erste Frau in sein Heiligtum: Sein Schlafzimmer! Klingelt's? Kaum zu glauben, wie originell und kreativ manche Autoren sein können, aber Abbi Glines bedient sich wirklich jeglichem Klischee, dass sie finden konnte, sodass es der seichten Lektüre öfters mal an Glaubwürdigkeit mangelt. Würde man das Ganze als reine Erotikliteratur bezeichnen - okay, aber Abbi Glines konnte sich wohl nicht so ganz entscheiden und so wird reine körperliche Anziehung direkt als tiefe, niemals endende Liebe bezeichnet.

Auch figurentechnisch dürfte man die ein oder anderen Charakterzüge wiedererkennen. Protagonistin Blaire jedenfalls entspricht dem absoluten Stereotypen, obwohl die Autorin merklich versucht ihr ein wenig Tiefe zu verleihen, indem sie ihr eine besonders dramatische und traurige Vergangenheit zuschreibt. Allerdings mangelt es hier größtenteils an Glaubwürdigkeit, denn obwohl Blaire mit ihren neunzehn Jahren schon einiges mitgemacht hat und auf den ersten Blick ziemlich tough ist, wirkt sie ein wenig weltfremd und naiv. Die gezogene Knarre jedenfalls passt nicht zu dem Bild, was im Laufe des Buches von ihr entsteht, ebenso wenig wie ihre Jungfräulichkeit, die sich beim ersten Mal aber gar nicht bemerkbar macht. Auch der männliche Gegenpart Rush (Was für ein Wortspiel im Titel. Rush of Love! Rush of Hormone hätte es eher getroffen!) erfüllt das Klischee des reichen und wilden Typen, der jedes Höschen unsicher macht. Wie gefährlich er ist, betont er Blaire gegenüber jedenfalls auf jeder Seite mindestens zweimal und hat damit den Bogen schon ein kleines bisschen überspannt.

Auf den ersten Blick weiß er, dass Blaire anders ist und seine Welt auf den Kopf stellen wird - woher er das wusste, steht aber in den Sternen - was Sätze wie "Du bist vollkommen", "Dein Körper ist der Wahnsinn" und "Verdammt, bist du eng" beweisen dürften. Wird wohl an ihrem Körper (Größe 34 und große Brüste) und ihren blonden Locken gelegen haben, mit dem sie jeden Job und jeden Typen bekommt, ohne es wirklich zu wollen oder zu wissen. Und auch Blaire ist direkt fasziniert davon, wie Rush es vor ihren Augen diversen Frauen besorgt. Nett möchte man da sagen. Das alles wäre ja noch zu verkraften gewesen, wenn die ganze Thematik nicht innerhalb von 240 Seiten abgehandelt worden wäre. Allein Blaires Vergangenheit hätte man in dieser kurzen Zeitspanne jedenfalls nicht mal eben klären können - ganz davon abgesehen, dass ja das ach so große Geheimnis zwischen Rush und Blaire liegt, welches
es zu klären gab (und immer noch gibt.) Anfänglich hatte ich ja damit gerechnet, dass Rush nymphoman ist und Blaire sich mit ihrer, für ihn attraktiven Unschuld, deswegen von ihm fernhalten soll, aber letztendlich hat alles mehr mit Blaire zu tun, als man dachte.

Insofern war das Buch trotz der abgedroschenen Sexszenen und der leicht unglaubwürdigen Anziehung zwischen Blaire und Rush schon spannend und interessant, hätte aber eindeutig mehr verdient. Potenzial wäre nämlich auf jeden Fall dagewesen, nur leider wird hier nur zu gerne auf die gängigen Klischees zurückgegriffen, die den Lesespaß mildern und mir oft ein abschätziges Lachen oder ein Augenverdrehen abgerungen haben. Da hat man als Leser doch oft das Gefühl, dass die Autorin einem nicht zutraut mit Gefühlen umzugehen, die sich langsam und realistisch entwickeln und nicht nach dem ersten schiefen Grinsen aus dem Nichts enstehen. Ein paar Seiten mehr Gefühlsentwicklung, ein bisschen weniger Gefasel über die Perfektion der Protagonisten und ich hätte dem Buch tatsächlich etwas mehr abgewinnen können. So wirkt die Geschichte lediglich wie eine Bühne für zwei Selbstdarsteller, die zumindest gut aussehen und "phänomenalen" Sex haben können.

Wer es noch nicht mitbekommen hat: Sex ist das neue Twilight! Das zeigt Abbi Glines mit ihrem hormonengesteuerten Rush of "Love" einmal mehr und berichtet uns wieder einmal, wie wichtig Sexgöttern ihr Schlafzimmer ist, wie eng, jungfräulich und gleichzeitig tiefgründig platinblonde Mädchen aus Alabama sein können und das reiche Männer gefährliche Bestien sind. Ein bisschen Familiendrama hier, ein wenig "Eiskalte Engel" da und perfekt ist die klischeeüberladene Sexgeschichte (das Wörtchen Liebe möchte ich in diesem Fall nicht in den Mund nehmen), die sich zwischendurch sicher ganz nett und seicht wegliest, einen aber irgendwie auch nicht mehr vom Hocker reißen kann. Unglaubwürdige Charaktere und ein bisschen zu viel Selbstdarstellung sorgten jedenfalls für so einige Augenverdreher meinerseits. Ob ich den zweiten Teil lesen werde, steht noch in den Sternen - ebenso wie die Antwort auf die Frage, warum man keinen Sexroman mit glaubwürdigen Liebesbekundigungen schreiben kann.


Abbi Glines, 1977 in Birmingham (Alabama) geboren, schrieb zahlreiche erfolgreiche Fantasy- und Jugendbücher, bevor ihr mit ihren "New Adult"-Romanen der internationale Durchbruch gelang. Heute lebt sie mit ihrem Mann und drei Kindern in Fairhope, Alabama. [via Piper]

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Für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanke ich mich sehr herzlich bei

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5 Wortmalerei(en)

  1. ach ja. ich glaube meine rezi zu dem buch würde auch so ausfallen :s dabei wäre das genre genau meins, weil sich meine bücher auch in dem bereich bewegen ( vllt hat meine agentur erfolg bei der flut von solchen büchern :0) aber die klischees! man könnte die so leicht zerstören, aber in so vielen büchern werden die verwendet :s

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  2. Eine sehr passende Review! Mir ging es sehr ähnlich bei "Ruhsh of Love" - wie du ja gelesen hast -, wenngleich ich am Ende dann doch neugierig auf die Fortsetzung war. Die ich dir übrigens nicht ans Herz legen würde. Ich habe sie im Original gelesen und es geht mit einer ganzen Wagenladung voll Klischees weiter. Zudem wird es irgenwann langweilig, weil sich viele Wesenszüge/Rückzieher von Blair und Rush wiederholen und selbst die erotischen Momente laufen nach dem immer gleichen Schema ab. Da verpasst man nicht viel. :)

    Ansonsten kann ich dir bei "Verführt" nur zustimmen. Ein Glück, dass die Story nicht in New York spielt, sonst würde Rush wahrscheinlich einen Wutanfall bekommen, nur weil Blaire bei Grün über die Ampel geht - weil zu gefährlich. In Bezug auf ihn war mir das schon zu blöd auf Dauer, aber als sie dann auf der Veranda vor der Bar standen und er sie beschützen will. Ach ja, einige Szenen waren ja ganz nett. Im Ganzen ist dieses Buch aber absolut nichts besonderes und ich hätte weitaus mehr erwartet. Was sehr amüsant deine Gedanken zum Buch zu lesen. :)

    Liebe Grüße
    Reni

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  3. Das Buch wollte ich mir unbedingt bestellen, doch ich glaube, jetzt überlege ich es mir nochmal genauer...Ich konnte mir schon vorstellen, dass dieses Buch nicht so viel mit "Liebe" zu tun hat und eher ein "Shades of Grey" für Jugendliche sein wird. Sehr schöne Rezension, dadurch hast du mich vielleicht vor einem Fehlkauf gewarnt :)
    Liebe Grüße,
    Jana

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  4. Hätte ich deine Rezension VOR dem Kauf gelesen, hätte ich die Finger davon gelassen. Ich lese ja doch eher Bücher mit herzzerreißenden und echten Gefühlen und kann Oberflächlichkeit nicht leiden (auch wenn ich natürlich kein Problem damit habe wenn der Protagonist gut aussieht ;) )
    Aber es scheint die Sonne und ich glaube, dann habe ich doch Lust auf das Buch. Contemporary ist ja im Moment das Genre im Sommer! :)
    Achja und wieder einmal eine sehr schöne und amüsante Rezension ;)

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  5. Ich stimme dir so sehr zu. Hab das Buch gerad durchgelesen, habs auf dem Grabbeltisch gefunden. Im Nachhinein bin ich froh, nicht mehr dafür bezahlt zu haben. Die Klischees springen einem wirklich auf jeder Seite entgegen und nehmen dem Buch für mich damit jegliche Spannung.

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]

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