|Rezension| "Vergiss den Sommer nicht" von Morgan Matson

7:52:00 PM

























Vorsichtig öffnete ich meine Zimmertür und spähte hinaus in den Flur.

Die siebzehnjährige Taylor Edwards ist immer nur davongerannt, wenn es brenzlig wurde: Vor Henry - ihrer ersten großen Liebe, vor Lucy - ihrer besten Freundin und jetzt vor der Krankheit ihres Vaters, der nur noch wenige Monate zu Leben hat. Um die letzte Zeit zusammen zu verbringen, fährt die Familie Edwards für die Sommermonate in ihr Sommerhaus am Lake Phoenix, dort wo Taylor die beiden Menschen hat sitzen lassen, die ihr am meisten bedeutet haben. Nach fünf langen Jahren muss sie sich den Konsequenzen ihrer Taten stellen und kann nicht mehr davonlaufen - schließlich läuft ihr jetzt etwas völlig anderes davon: Die Zeit. Während Taylor versucht, alles wiedergutzumachen und langsam beginnt, wirklich zu leben, schwinden die Tage mit ihrem Vater dahin und Taylor versucht an diesem letzten gemeinsamen Sommer festzuhalten...

Morgan Matson bringt mit ihrem frischen, jugendlich gehaltenen Schreibstil den Sommer ins Haus. Detailliert und nie langatmig beschreibt sie Umgebung, Gefühlswelten und Gedanken mit einem sehr bildlichen und leichten Schreibstil, ohne dabei zu blumig oder verschnörkelt zu werden. Ihre Stärke liegt definitiv darin Emotionen an den Leser zu bringen und ihn mit an den Lake Phoenix zu nehmen, denn man fühlt sich permanent in der Geschichte - selbst nach längeren Lesepausen. Atmosphärisch dicht und tiefgründig erzählt sie eine traurige, wie schöne Geschichte, bei der die Seiten nur so dahin fliegen.

Zweite Chancen gibt es an jeder Ecke. Jeden Tag, jede Nacht, jede Stunde werden zweite Chancen in jeglicher Hinsicht gegeben: In der Liebe, im Leben, im Job, in der Freundschaft. Es ist fast schon
Ironie des Schicksals, dass der englischsprachige Buchtitel "Second Chance Summer" heißt, wo doch gerade dieses Buch auch eine zweite Chance an die Autorin für mich darstellt, nachdem "Amy on the summer road" mich eher zwiegespalten zurückgelassen hat. Und dieses Buch ist ein Paradebeispiel dafür, dass man unbedingt zweite Chancen geben sollte, weil diese oft ganz überraschende Auswirkungen haben können - so hat sich auch die zweite Chance mit dem "Sommer der zweiten Chance" absolut gelohnt!

Warum das so ist? Weil "Vergiss den Sommer nicht" eines dieser Bücher ist, die dich gefangen nehmen und auch nicht mehr loslassen, selbst dann nicht, wenn du die letzte Seite gelesen hast, was in diesem Fall (bei mir) mit einer Menge Taschentücher und zerrissenem Herzen ausgeartet ist. Die Geschichte um Taylor, ihre Familie und ihre Freunde ist in jeglicher Hinsicht vielschichtig und hat mich so manches Mal an Geschichten von Sarah Dessen erinnert, einfach weil alles ein wenig langsamer und leiser vorangeht - was aber in gar keinem Fall negativ ist. Schließlich wird man so langsam an die Figuren herangeführt und lernt jede Einzelne kennen und lieben. Jede schreibt seine eigene Geschichte, jede brilliert mit einer eigenständigen Persönlichkeit und Dreidimensionalität und hat dabei unverkennbare Eigenschaften, die liebevoll ausgearbeitet sind und sich durch das gesamte Buch ziehen.

 

Dabei ist die Geschichte von "Vergiss den Sommer nicht" schnell erzählt - denkt man. Ein krebskranker Vater, eine zerbrochene Freundschaft und eine erste Liebe, bei der etwas schiefgelaufen ist, sind im Grunde altbekannte Gewürze für einen Jugendroman. In diesem Falle aber erzählt Morgan Matson viel mehr als nur eine Geschichte über Verlust und Liebe. Auch Themen wie Mut, Selbstfindung und die Gabe über seinen eigenen Schatten zu springen spielen eine große Rolle und geben der Geschichte so mehr Tiefe und Greifbarkeit. Die Autorin gibt dem Leser viel Zeit um sich mit der Situation und den Figuren vertraut zu machen, was für die Emotionalität und die Beziehung zwischen Leser und Figuren einiges ausgemacht hat und es mir umso leichter machte, mich in Taylor (und auch jede andere Person sonst) hinein zu fühlen.

Taylor selbst ist eine unglaublich sympathische und unkomplizierte Protagonistin, mit der man sich
wegen Makel, Ecken und Kanten sehr gut identifizieren kann. Schön war hier, dass sie zwar ein zurückhaltendes Sandwichkind ist, aber deshalb trotzdem nicht auf den Kopf gefallen ist. Schminke, Jungs und Küsse kann sie mit Tiefgründigkeit verbinden, was ich sehr erfrischend fand und selten vorzukommen scheint. Dasselbe gilt im Grunde für alle anderen Figuren: Sie handeln realitätsnah und verständlich und sind dabei sympathisch, selbst wenn man nicht allzu viel von ihnen mitbekommt. Auch der Handlungsstrang um Taylors kranken Vater und die Konsequenzen sind liebe- und verständnisvoll ausgearbeitet. Mit dem Thema wird auf eine derart schöne und menschliche Art und Weise umgegangen, dass es mich zu Tränen rührte (und das nicht nur einmal).

Vor allen Dingen die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Gefühle (von der es in der Geschichte reichlich gibt) beherrscht Morgan Matson wie keine Zweite. Sie erzählt einen Jugendroman, der so nah am Leben ist, dass er überall ebenso passiert sein könnte und schafft es gerade deswegen so rührend und emotional zu sein. Außerdem nähert sie sich auch anderen jugendlichen Problemen an, die dafür sorgen, dass man sich nur zu gut mit den Figuren identifizieren kann und bringt dabei nicht nur eine Entwicklung jeder Figur zustande, sondern vermittelt außerdem so einige kleine Lebensbotschaften, die den Lesespaß nur umso größer machen.

Vergiss den Sommer nicht und vergiss auf gar keinen Fall mal in dieses Buch reinzuschauen, vielleicht auch gerade dann, wenn du mit "Amy on the summer road" (dem Debüt der Autorin) nicht ganz so viel anfangen konntest. Die zweite Chance hat sich in jedem Fall gelohnt, denn dieses Jugendbuch ist eines der schönsten, traurigsten und berührensten Bücher, die ich seit Langem (und vielleicht auch je) gelesen habe. Die Autorin gibt dem Leser viel Zeit sich der Situation und den Figuren anzunähern und die Geschichte wird dabei nie langweilig oder langatmig. Mit vielen Emotionen, Fingerspitzengefühl und dem richtigen Riecher für zwischenmenschliche Beziehungen hat Morgan Matson eine vielschichtige Geschichte geschaffen, die mich so schnell nicht mehr loslassen wird und an der ich einfach rein gar nichts zu meckern habe. Unbedingt lesen!


Morgan Matson studierte Schreiben für junge Leser an der New School. Road-Trips quer durchs Land sind ihre große Leidenschaft und sie hat schon drei Mal die USA durchreist ... bis jetzt. Derzeit lebt die Autorin in Los Angeles. Bisher (auf deutsch) erschienene Bücher der Autorin: "Amy on the Summer Road" und "Vergiss den Sommer nicht".

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6 Wortmalerei(en)

  1. Klingt nach einem tollen Buch ;)
    Das landet direkt auf meiner Wunschliste, es muss sich nur hinten anstellen... Das heißt ich kaufe es mir dann in vier Jahren :D

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    1. Musst du unbedingt lesen :) Nicht hinten anstellen! :D:D

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  2. Ach schön, schön, schön, dass dich dieses Buch der Autorin mehr überzeugen konnte. Ich mochte zwar Amy und Roger noch ein klitzekleines Bisschen lieber, aber ich kann deine Rezension nur unterschreiben. "Second Chance Summer" mochte ich auch unglaublich gern und es ist ein sehr besonderes Buch, das mir stark in Gedanken geblieben ist, obwohl ich es bereits vor einem Jahr gelesen habe. Wirklich toll. Und eine sehr schöne Rezension :) Hach ja, jetzt kriege ich gleich wieder Lust auf einen Reread.

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    1. Danke, das Buch war aber auch einfach wunderschön. Bei Amy hat mir irgendwas gefehlt, aber hier war wirklich alles da, was ich wollet! Könnte es auch direkt nochmal lesen...:)

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  3. Wow, deine Rezension macht mir total Lust, sofort in den nächsten Buchladen zu laufen und mit dem Lesen zu beginnen! Amy hat mir super-gut gefallen, daher hatte ich etwas Angst, dass das neue Buch eher ein müder Abklatsch davon wird. Aber anscheinend ist die Angst völlig unbegründet und ich kann mich jetzt noch mehr auf das neue Buch der Autorin freuen <3

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    1. Oh, danke :) Das freut mich, so soll es sein :) Bin gespannt, wie dir das Buch gefällt - ich hoffe doch, genauso sehr wie mir!

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]