|Kleine Buchgedanken| Das bedruckte Fliegenpapier für Erinnerungen

4:43:00 PM

Eines der schönen Dinge am Lesen (und auch an Musik) ist die Tatsache, dass Bücher wie Fotoalben sind, in denen lauter Erinnerungen kleben - nur das man die Bilder nicht sehen kann. Sie sind zwischen den Zeilen, in den Worten und verstecken sich in jeder Kapitelüberschrift. Manchmal, wenn ich an einen bestimmten Augenblick in meinem Leben denke, denke ich automatisch auch an eine der unzähligen Geschichten, die mich in diesem Moment begleitet haben und irgendwie, auch wenn der Moment damals nicht so schön war, schafft das Buch einen besonders wärmenden Gedanken. Verrückt? Vielleicht. Aber gleichzeitig auch so schön. Witzigerweise sind es nämlich nicht einmal die großen Momente, ganz im Gegenteil: Es sind die ganz winzig kleinen, die eigentlich vergessen sein müssten, weil sie so unbedeutend sind und dennoch watscheln sie in meinem Gedächtnis umher, erzählen von den Buchstaben, die ich damals verschlungen habe, einfach nur auf der Couch im Wohnzimmer sitzend, am heiligen Abend.

Es sind nicht einmal unbedingt die Momente. Viel mehr sind es die Gefühle. Die Gefühle, die ich hatte, wenn ich für einen kurzen Moment aufgeblickt und mich umgesehen habe. Die Umstände des Tages, dieser ganze Prozess, den man Leben nennt, scheint sich in den Büchern verstecken zu können. Es ist verrückt, aber ich ziehe ein Buch aus dem Schrank und sage: "Hey, das habe ich im Wartezimmer beim Tierarzt gelesen!" oder "Das habe ich in einer einzigen Nacht durchgelesen, obwohl ich am nächsten Tag Schule hatte." oder auch "Das Buch habe ich auf der Autofahrt zu meiner Oma gelesen." - derart kleine Dinge verbinde ich mit Büchern, die ich gelesen habe und das schöne ist, dass sie mir nicht mehr verloren gehen können und dass ich sie immer wieder abrufen kann, wenn ich das Gefühl habe, sie doch zu vergessen. Denn kaum sehe ich das Buch oder berühre die zerlesenen Seiten, weiß ich schon wieder, warum es mich begleitet hat, warum es noch immer da im Regal steht und von dort nicht mehr wegzudenken ist.
Nicht nur die Flucht aus der Realität bringt mich also zum Lesen, sondern auch die Sicherheit, diesen Moment niemals mehr zu vergessen, weil er an den Seiten haften bleibt, weil die gedruckten Worte mein Leben zusammenhalten wie Sekundenkleber und weil jedes Buch ein oder mehrere Gefühle meines Lebens beinhaltet, ganz gleich, ob sie positiv oder negativ waren. Im Nachhinein scheinen sie alle eine Aneinanderreihung von Augenblicken zu sein, wie die Perlen an einer Kette, abhängig voneinander und wichtig im Gesamtbild. Das ist es nämlich, was man zwischen Reue und Angst oft im Leben vergisst: Das jeder Augenblick wichtig ist und auch wenn es pathetisch klingt, dass jeder Augenblick, so belanglos und klein er auch scheinen mag, wertvoll ist und im Nachhinein gar nicht mehr schlimm oder noch viel schöner ist, als man es zu dem Zeitpunkt emfunden hat.

 
Kennt ihr dieses Gefühl? Verbindet ihr auch viele Erinnerungen mit Büchern (oder Liedern)? Was liebt ihr am Lesen besonders - ganz abgesehen von der Realitätsflucht?

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19 Wortmalerei(en)

  1. Am meisten kenne ich das mit den Momenten aufbewahren vom Musik hören. Wenn ich ein tolles Lied entdeckt habe, dann verbinde ich automatisch etwas mit diesem Lied. Wenn ich es dann eine Weile oder lange Zeit nicht mehr gehört habe und mir wieder einmal anhöre, dann erinnere ich mich genau, wann ich dieses Lied entdeckt habe, was ich damit verbunden habe und meistens auch, was in der Zeit geschehen ist.
    Bei Büchern ist das bei mir nicht ganz so ausgeprägt. Zwar erinnere ich mich, wenn ich an ein paar Bücher denke, wann ich das Buch gelesen habe, aber den Rest halt nicht ganz so doll wie bei der Musik.
    Manchmal ist es dann auch mit der Musik so eine Art wie Zeitreise, da ich dann auch immer an das Gleiche bei einem Song erinnert werde.:)

    Das ist wirkliche ein schöner Post geworden! Habe ich sehr gerne gelesen.:D

    Liebe Grüße,
    Lynn

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    1. Vom Musik hören kenne ich das auch sehr gut :) Ich bekomme dann immer so ein ganz bestimmtes Ziehen im Bauch und ganz viel Melancholie, wenn ich eine bestimmte Melodie höre, die mich an etwas erinnert. Aber etwas ähnliches habe ich auch bei Büchern und das ist ein richtig tolles Gefühl :)

      Freut mich, dass er dir gefallen hat :)

      Liebe Grüße,
      Marie

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  2. Was fuer ein schoener Post. Ich hatte vor langer Zeit auch mal so einen Post verfasst und ich empfinde das genau wie du. Sehr oft habe ich beim Lesen auch eine Playlist oder einen Song gehört, der mich dann jedes Mal veefolgt wenn ich das Buch anfasse. Oder andersrum: Ich höre einen song und denke an das Buch. Am Lesen liebe ich es einfach wenn ich selber emotional werde. Viele mögen das ja nicht, aber ich liebe es wenn ein Buch mich zum Lachen bringt oder zum Heulen. Schließlich sind es da nicht meine eogenen Probleme, also kann ich da mal schwach werden. :)

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    1. Danke :) Echt, habe ich gar nicht gesehen :o Freut mich aber, dass du dieses Gefühl kennst :) Emotionialität ist mir beim Lesen auch sehr wichtig. Ich WILL berührt werden!

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  3. Mir geht es da ganz genauso wie dir! Irgendwie ist mir erst beim Lesen von Tintenherz eben wegen diesem Zitat aufgefallen, dass Bücher Erinerungen bewahren. Ich wusste es zwar schon die ganze Zeit, aber dieses Zitat fasst es in Worte :) Bei Liedern habe ich das auch, da errinere ich mich meistens an Orte an die ich gereist bin, weil ich meistens auf den Fahrten ganz besonders aufmerksam Musik höre (also nicht nur nebenher, sondern so das ich auch mal auf den Text achte- das mache ich sonst eher nicht^^)
    Am Lesen liebe ich es besonders, wenn ich mich selbst oder andere in einer Person in diesem Buch wiedererkenne. Irgendwie kann man dadurch was über Menschen lernen, denn immer wieder sind die Personen in Büchern verschieden, denken anders und wenn es in Büchern so ist, dann im echten Leben auch. Durchs Lesen sehe ich in jedem Menschen irgendetwas besonderes oder einzigartiges, eigentlich lernt man dadurch auf eine gewisse Art und Weise, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

    Die Idee des Posts finde ich übrigens total schön :) (Das merkt man wahrscheinlich auch an diesem langen Kommentar^^)
    Liebe Grüße,
    Lilly

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    1. Hach schön, dass du das auch so kennst :) Ich finds auch toll, wenn ich Personen wiedererkenne, das gibt einem Buch immer noch mehr Glaubwürdigkeit. Und ja, man lernt echt eine Menge!

      Schön, dass dir der Post gefallen hat :) ♥

      Liebe Grüße,
      Marie

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  4. Was für ein wunderbarer Post - ich habe ihn aufgesogen. Bücher sind etwas Besonderes und diese Idee mit kleinen Zetteln, egal in welcher Form einfach fantastisch!
    Ich schnappe mir das mal auf, denn in meinen Büchern kleben lauter kleine gelbe Zettel, weil ich mir beim Lesen irgendwie immer eine Notiz mache. Einfach toll - vielen Dank
    LG Hanne

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  5. Du hast sowas von Recht!
    Ich finde, zu deinem wundervollen Text brauche ich nicht mehr zu sagen, du hast schon alles gesagt. (':

    Liebe Grüße ♥

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  6. Genau deshalb liebe ich Bücher und Musik! <3 :) Das hast du echt schön gesagt - wundervoller Post!!

    Liebe Grüße, Selina

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  7. Und wieder so ein schöner Post mit dir :) Wie kommst du bloß immer auf die ganzen tollen Themen?
    Ich kann diese Bucherinnerungen auf jeden Fall total nachvollziehen. Ich habe das ganz oft bei Hörbüchern und eher unspektakulären Tätgikeiten. Ich höre z.B. oft beim Saubermachen Hörbuch und wenn ich jetzt manchmal den Teppich absauge oder die Dusche putze, denke ich immer an das Hörbuch, was ich irgendwann mal dabei gehörte habe xD

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    1. In letzter Zeit bin ich nur wenig auf Themen für "Kleine Buchgedanken" gekommen, aber letztens ist es mir eingefallen, als ich plötzlich Lust hatte, ein Buch zu lesen, das ich schon kenne, in dem ich mich wohl fühle. Kennst du das?

      Und das mit den Hörbüchern kenne ich auch. Klingt total doof, aber manchmal erinnere ich mich dann sogar an Sätze, oder weiß noch, welche Gefühle ich hatte, als ich beim Wäsche zusammenlegen ein bestimmtes Hörbuch gehört habe :D Unspektakuläre Tätigkeiten + Hörbücher ist eh die beste Kombi ;)

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    2. Gott sei Dank, ich bin nicht allein mit der Hausarbeitshörbuchassoziation xD

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  8. Ein wirklich toller Post! Ich verbinde mit Büchern auch meine ganz eigenen Geschichten, vor allem dann, wenn ich sie direkt im Laden kaufe. Da erinnere ich mich beim Anschauen zum Beispiel an die Shoppingtour mit meinem Freund, oder meinen Besuch in Hamburg, wo ich bestimmte Bücher gekauft oder gelesen habe. Der ganze Tag ist dann wieder vor meinen Augen und das sind meistens gute Tage gewesen, denn immer wenn ich gut drauf bin, kaufe ich ein Buch. Und ich bin ziemlich oft ziemlich gut drauf :D !

    Das Zitat ist wirklich wunderschön, weil es eindach stimmt. Vielleicht sollte ich die Bücher auch endlich mal lesen :) !

    Liebe Grüße, Lisa

    PS: Mal so unter uns, wo bekommst du diese vielen tollen Bilder/Muster etc für deine Bilder her? Die sind sooooo schön :)

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    1. Danke :) Das kenne ich :) Und ja Tintenherz solltest du wirklich lesen, eines der schönsten Bücher, die ich kenne ♥

      Bilder und Muster suche ich im Internet bzw. finde sie zufällig. Viele davon sind Photoshop Brushes, die ich mir runterlade :)

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  9. Wirklich wunderschön geschrieben! Mir geht es genauso, oft verbinde ich mit Bücher & Musik eine bestimmte Zeit meines Lebens, einen bestimmten Tag oder einfach nur einen Moment. Wie z.B. mit den "Chroniken der Unterwelt"-Büchern. Mit diesen verbinde ich meinen Urlaub in der Türkei, da ich sie damals dort gelesen habe :)

    Ein wirklich toller Post!

    Liebe Grüße
    Sibel

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    1. Danke :) Urlaub verbinde ich auch sehr oft mit Büchern. Da kann man sich auch einfach gut auf Bücher einlassen, weil man nichts anderes im Kopf haben muss und mal entspannen kann!

      Liebste Grüße,
      Marie

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]