|Rezension| "Grischa 02: Eisige Wellen" von Leigh Bardugo

12:10:00 AM



  
Früher, lange bevor sie die Wahre See befuhren, hatten der Junge und das Mädchen immer wieder von Schiffen geträumt: Schiffe, randvoll mit Geschichten, verzauberte Schiffe mit Masten aus wohlriechendem Zedernholz und mit Segeln aus purem Gold, von Jungfrauen gesponnen.

Auf der Flucht vor dem Dunklen überqueren Alina und Maljen die Wahre See und versuchen in ständiger Angst ein Leben fernab von allem, was sie je kannten zu führen, denn Gerüchten zufolge hat der Dunkle das Gefecht auf der Schattenflur überlebt und sammelt nun seine Kräfte, um Alina erneut für seine Zwecke zu benutzen. Schon bald erfüllen sich Alinas schlimmste Albträume und sie findet sich auf einem Piratenschiff, unter der Flagge des Freimeuters Sturmhond, auf der Wahren See wieder. Sein ominöser Auftraggeber hat Pläne mit Alinas Macht, doch auch der Dunkle entfacht ungeahnte Kräfte und schon bald muss Alina sich entscheiden, zwischen Freiheit und Rettung, ihrer Liebe und ihrer Macht, und ist dabei ständig unter dem Einfluss dunkler Magie...

Leigh Bardugo weiß, wie man einen Epos schreibt, so viel steht schon einmal fest - ist doch ihre simple, aber doch eindringliche Sprache auf eine ganz besondere Art und Weise fesselnd. Bildlich, detailliert und dennoch klar und deutlich beschreibt sie ihre fiktive Welt und sorgt für eine heimische, herbstliche Stimmung (und das sogar, wenn draußen die Sonne scheint!). Ihr Stil und die Geschichte an sich ist definitiv etwas für eine heiße Tasse Tee und eine Nacht vor dem Kamin, was nicht nur an der Sprache, sondern auch an der düsteren Atmosphäre des Buches liegt, die sich mit jeder Seite ausbreitet wie die Ödsee selbst. Besonders schön sind dabei die fremden Worte, die man nur zu gerne laut aussprechen möchte und die sich besonders schön lesen lassen: "Wahre See", "Kefta", "Os Alta" - all diese Worte sind klangtechnisch einfach wunderschön und sorgen ebenfalls für eine dichte Atmosphäre. Zugegeben: Zwischendrin schleicht sich die ein oder andere Länge in die Geschichte, doch die ist schnell überlesen und wird mit dem Rest wieder ausgeglichen.

(Jugendliche) High Fantasy ist ein zutiefst unterschätztes Genre, welches nicht wenige mit Zwergen, Elben und anderen Wesen in Verbindung bringen, die sicherlich Teil des Genres, aber definitiv kein Muss sind. High Fantasy (und in diesem Fall auch "Grischa") kommt ohne solche höheren Phantasiewesen aus und ist viel mehr, als manche glauben mögen. Natürlich braucht es ein wenig, um sich von einer solchen
Welt mit Haut und Haaren verschlingen zu lassen, aber stapft man erst einmal durch das fiktive Russland, das Leigh Bardugo hier erschaffen hat, macht eine lange Reise über die Wahre See und verläuft sich in den ewigen Gängen des Zarenpalasts in Os Alta, dann beginnt man zu glauben - daran, dass eine solche Welt vielleicht wirklich existieren könnte. Man glaubt, weil die Autorin es schafft, die Welt derart detailliert und glaubwürdig zu beschreiben, als würde sie diese Welt wirklich kennen und das ist eines der Dinge, die die Geschichte um Alina so besonders macht.

Die Geschichte beginnt, wie vom ersten Teil gewohnt, mit einem Stoß in eisige Wellen - und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn Alinas Reise beginnt auf der Wahren See und verweilt dort auch eine ganze Weile. Dabei hält Bardugo eine konstante Spannungskurve aufrecht, die kaum abfallen will und beglückt den Leser mit einigen neuen Figuren, die man in nur kürzester Zeit ins Herz schließen kann. Allen voran wäre da Sturmhond, der sich im Laufe des Buches definitiv zu einem meiner Lieblingscharaktere gemausert hat. Nicht nur, weil er anfangs ein wenig wie ein russischer Captain Jack Sparrow wirkte, sondern auch wegen seiner Entwicklung und Rolle im weiteren Handlungsverlauf des Buches. Hier könnte man nämlich das ein oder andere Mal ziemlich überrascht werden, denn Sturmhond hält weit mehr bereit, als seine witzigen und frechen Sprüche vermuten lassen. Seine geheimnisvolle, aber auch witzige und ernsthafte Art machen ihn zu einem absoluten Liebling, womit Alina (und vor allen Dingen auch Maljen) kaum mithalten kann.

Alina entwickelt sich nämlich in eine ziemlich drastische Richtung, die für die Geschichte zwar wichtig, für den Leser aber ziemlich anstrengend sein kann. Mir wurde sie mit der Zeit ein wenig unsympathisch, weil sie eine merkwürdige Mischung aus anhänglichem Mädchen und tougher Kriegerin wird, die mich nicht hundertprozentig überzeugen konnte. Maljen, der sich schon im ersten Band nicht in mein Herz schleichen konnte, bekommt ein wenig mehr Farbe, wäre aber definitiv nicht meine erste Wahl für Alina, auch wenn das trotz kleiner Überraschungen vermutlich so bleiben wird. Wer also auf den Dunklen hoffte, der immer mal wieder auftaucht, wird wahrscheinlich enttäuscht werden, denn auch wenn er einen ziemlich heißen Bösewicht abgibt, bleibt er doch am Ende nur das: Der Böse, der immer wahnsinniger und kranker wird. Interessant fand ich die häufigen Wahnvorstellungen (?), die Alina immer stetiger hat und ihre Verbindung mit dem Dunklen aufzeigt, der sich wohl zu den (Fangirling An) "Sexiest Villains Alive" zählen darf (Fangirling Aus).
Insgesamt ist das Buch noch düsterer als es noch der erste Band war und beschäftigt sich intensiver mit dem drohenden Krieg und dem Fall des Zaren. Somit ist das Buch stellenweise auch etwas politisch - es wird viel über Krieg und die verschiedenen Rollen gesprochen, was dazu führt, dass sich der Mittelteil des Buches ein wenig zieht. Richtig langweilig fand ich es aber nicht, nur ein wenig schwerfällig. Prinzipiell geschieht nämlich eine ganze Menge und das in regelmäßigen Abständen, sodass man zwar Zeit zum Luftholen bekommt, aber doch ziemlich schnell wieder ins Geschehen geworfen wird. Ich muss aber sagen, dass mir bisher irgendetwas an der Grischa-Reihe fehlt, etwas, dass ich nicht einmal benennen könnte und dass dafür sorgt, dass mich die Reihe bisher nicht vollends fesseln konnte. Dennoch eine sehr solide High Fantasy Reihe, die mit vielen überraschenden Wendungen, einem gut ausgearbeiteten Plot und einer phantastischen Welt aufwarten kann, die einen komplett aufzusaugen droht.

Wenn euch der erste Band gefallen hat, solltet ihr euch definitiv in "eisige Wellen" werfen (oder eben endlich mit "Goldenen Flammen" beginnen - es lohnt sich!) und gemeinsam mit Alina, Sturmhond und Maljen Rawkas unendliche Weiten und Legenden erkunden. Dabei trefft ihr auf jeden Fall auf einige interessante, neue Charaktere und so einige Storytwists, die man nicht erwartet hätte. Obwohl mir eine unbestimmte Kleinigkeit in der Reihe fehlt, kann ich die Geschichte um die Sonnenkriegerin und die Grischas uneingeschränkt empfehlen, da sie einfach ein schöner, herbstlicher Schmöker ist, der ein heimisches Gefühl auslöst und eine Welt bietet, in der man sich wunderbar vor regnerischen Augusttagen verstecken kann. Außerdem bietet das Buch einige schöne Extras, die zum Verständnis der Geschichte beitragen, wie eine Karte der Welt und ein Glossar am Ende des Buches.


Leigh Bardugo wurde 1975 in Jerusalem geboren und wuchs in Los Angeles auf. Sie studierte an der Yale University. Wenn sie nicht schreibt, arbeitet sie als Make-up-Artist. Grischa - Goldene Flammen ist ihr erster Roman, zwei weitere Bände der Saga um die Sonnenkriegerin Alina sind in Vorbereitung. [via Carlsen]

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Für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares bedanke ich mich sehr herzlich bei

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5 Wortmalerei(en)

  1. Oh, ah, toll! Mit hat der erste Band sehr gut gefallen (jaja, der Dunkle *g* U know!) und Eisige Wellen ist demnach für mich ein Muss! Schade, dass unser Fangirling-Held keine von uns gewünschte Rolle hier hat, hihi.
    Drück!
    Damaris

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    Replies
    1. Bin schon gespannt, wie es dir gefällt. Schnappen wir uns den Dunklen halt ;)

      :*

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  2. Hah, nach deiner Rezi muss ich das Buch unbedingt irgendwann demnnächst lesen! Fand den ersten Band richtig klasse. :)

    LG Jasmin

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  3. Ich hatte teilweise wirklich das Gefühl, meine eigene Rezi zu lesen :D Kann dir in jedem Punkt nur zustimmen ;)
    lG,
    Svenja

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]