Rezension | Die Sehnsucht des Vorlesers von Jean-Paul Didierlaurent

8:37:00 PM

dtv | Klappbroschur | 224 Seiten | €14,90 | Le Liseur du 6h 27 | Sonja Finck (Übers.) | Kaufen?



Guylain Vignolles liebt Bücher und hasst seinen Job in einer Papierverwertungsfabrik. Darum liest er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug um 6 Uhr 27 laut ein paar Seiten vor, die er am Tag zuvor der Schreddermaschine entrissen hat: sein ganz persönlicher Akt der Rebellion gegen die Vernichtung von Literatur. Eines Tages entdeckt er im Zug einen USB-Stick, auf dem das Tagebuch einer jungen Frau gespeichert ist. Tief bewegt liest er nun ihre Geschichten vor – und der Zauber springt auch auf die Mitreisenden über. Viel wichtiger aber noch: Die Geschichten verändern Guylains Leben von Grund auf. Er muss diese Frau finden!


Eine liebenswerte, leicht schrullige Geschichte über die Liebe, die Freundschaft, das Lesen und einen skurrilen Außenseiter mit einem Goldfisch und einem für ihn grausamen Job - das und noch mehr findet der Leser in "Die Sehnsucht des Vorlesers", einer wunderschönen und leichten Geschichte für Zwischendurch mit französischem Charme und poetischer Wortgewandtheit. "Die Sehnsucht des Vorlesers" ist etwas für Liebhaber skurriler und schrulliger Geschichten mit leicht melancholischem Einschlag, die trotzdem Lebensfreude vermitteln. So erinnerte das Buch um Guylain Vignolle hier und da an einen dieser alten Sepiastummfilme mit ulkiger Musik, die besonders schnell abgespielt werden und den Zuschauer mit übertriebenen Emotionen an manchen Stellen zum Schmunzeln und an wieder anderen zum Weinen bringen. Dieser charmante Art und Weise zieht in den Bann, macht neugierig und ist zu einer herzenswarmen und kurzweiligen Geschichte geworden, die ich jedem Buchliebhaber ans Herz legen kann.




Die Ausgangssituation wird sicherlich jeden Bücherwurm aus der Fassung bringen, denn Guylain Vignolle arbeitet in einer Papierverwertungsfabrik und muss dort jeden Morgen die "Bestie" anschalten - die Maschine, die seine geliebten Bücher zu Brei verarbeitet. Doch dann und wann kann Guylain die ein oder andere Seite retten und diese Findelkinder liest er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn vor - mehr für sich selbst, doch jeden Morgen hat er eine begeisterte Schar Zuhörer. Guylain ist, wie eingangs bereits erwähnt, eine schrullige Persönlichkeit mit viel Melancholie und poetischen Gedankengängen, die ihn, um den Vergleich mit dem Stummfilm zu bewahren, an einen pantomimischen, traurigen Clown erinnern lässt - aber auf eine sehr sympathische Art und Weise. Auch die anderen Figuren sind skurril oder in skurrile Situationen verstrickt, die ihnen komische Züge verleihen - ob das nun Guylains bester Freund ist, der seine Beine sucht oder der alte Mann, dessen Pudel nicht richtig pinkeln kann. Alles recht merkwürdig, aber eben doch passend zu der sehr besonderen Stimmung im Buch.

Zeitweise erinnert "Die Sehnsucht des Vorlesers" auch etwas an "Die zauberhafte Welt der Amélie" - es hat einfach einen ähnlichen Charme, wobei ich leider sagen muss, dass der Plot zeitweise ein wenig darunter leidet. Zwar hat mir das Buch insgesamt sehr gut gefallen, was nicht wenig an der besonderen Stimmung liegt, doch gegen Ende entwickelt sich dann alles recht schnell und die Dinge, von denen man sich noch eine Entwicklung oder Aufklärung gewünscht hätte, werden schlicht beiseite und aus den Augen geschoben. Da ich gerne noch länger in dieser zauberhaften Welt geblieben wäre, war ich am Ende doch etwas ob des abrupten Endes enttäuscht. Für einige unterhaltsame Lesestunden und ein wenig französischem Zauber und Charme ist "Die Sehnsucht des Vorlesers" aber genau die richtige Lektüre und entführt den Leser in eine schrullig-skurrile Welt voller Goldfische, loser Buchseiten und roter USB-Sticks. Ein kleiner, aber sehr feiner Lesetipp von mir!

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2 Wortmalerei(en)

  1. Hach liebe Marie,
    du hast eine so tolle Art, deinen Rezensionen zu schreiben. Du schaffst es auch immer wieder, mich für Bücher zu interessieren, die mich eigentlich gar nicht so recht ansprechen. So geschehen wieder hier...
    Die Geschichte an sich hat mich irgendwie kalt gelassen, aber deine Begeisterung ist ja fast greifbar.

    Werd das Buch auf jeden Fall mal im Hinterkopf behalten.

    Alles Liebe, Nelly

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  2. Liebe Marie,

    dein Vergleich mit "Die zauberhafte Welt der Amélie" hat mich dazu bewegt, das Buch doch schon bald von meinem SuB zu befreien und endlich zu lesen - ist ja auch nicht gerade das dickste Buch ;-). Schade nur, dass es wie du schon schreibst, so abrubt zu enden scheint. Da hat man immer das Gefühl, dass dem Autor entweder die Ideen oder die Lust an dem Buch vergegangen sind und er es möglichst schnell beenden musste. Ich bin wirklich gespannt!

    Danke dir für deine Rezension!

    Liebste Grüße,
    Deborah

    ReplyDelete

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]

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