Tausend Nächte aus Sand und Feuer von Emily Kate Johnston

4:30:00 PM


Lo-Melkhinn hat schon dreihundert Mädchen auf dem Gewissen, bevor er in ihr Dorf kommt, um sich eine neue Braut zu suchen. Als sie die Staubwolke am Horizont sieht, weiß sie, dass er das hübscheste Mädchen im Dorf mitnehmen wird: ihre Schwester. Aber das wird sie nicht zulassen. Stattdessen kehrt sie selbst mit dem geheimnisvollen Wüstenherrscher in seinen Palast zurück. Der Tod scheint ihr sicher, doch am nächsten Morgen ist sie immer noch am Leben. Von nun an erzählt sie Lo-Melkhinn jede Nacht eine neue Geschichte und jeden Morgen erwacht sie mit einem magischen Funken in sich, der von Tag zu Tag mächtiger wird ...

"EINE GESCHICHTE AUS TAUSENDUNDEINERNACHT VOLLER MAGIE UND ROMANTIK"...

... steht hinten auf dem Buch. Drin ist etwas anderes! Während die Attribute "Tausendundeinenacht" und "Magie" unkommentiert so stehen gelassen werden können, hapert es an dem Wort "Romantik" - denn die ist im Buch selbst kaum zu finden. Im Gegensatz zu anderen Neuinterpretationen des Märchenklassikers ist "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" stellenweise sehr nah am Original. Wer ein romantisches Fantasyjugendbuch erwartet, wird an dieser Stelle wohl enttäuscht werden - wer sich jedoch darauf einlässt, wird eine gut erzählte Geschichte bekommen, die auf eine ganz besondere Art und Weise ein altbekanntes Märchen neuinterpretiert. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten, die die Protagonistin Lo-Melkhinn erzählt und die Beschreibungen des Szenarios, die sehr ausgeprägt Stoffe, Umgebungen und Nahrung zu einer atmosphärischen Dichte verweben. "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" hat mich letztlich trotz kleinerer Details sehr fasziniert und in eine märchenhafte Stimmung eingelullt, die ich tatsächlich nur ungern wieder verlassen habe.


Und das obwohl die Geschichte hier und da so einige Stolpersteine beherbergt, an die man sich zunächst gewöhnen muss. Die Tatsache beispielsweise, dass außer Lo-Melkhinn kaum eine Figur einen Namen hat, ist höchst ungewöhnlich - so ist lediglich von der "Schwester", der "Mutter" und der "Mutter meiner Schwester" die Rede. Stolpert man anfangs noch über diese Ungewöhnlichkeit, entwickelt sie sich im Laufe der Geschichte, wenn man sich darauf einlassen kann, zu einer besonderen Erzählart, die man auf bestimmte Art und Weise poetisch und sehr bildhaft findet. Auch die Protagonistin selbst trägt keinen Namen und definiert sich zum großen Teil über ihre Herkunft und ihre Schwester. Ist sie anfangs noch sehr darauf fokussiert, findet sie im Laufe der Geschichte mehr und mehr zu sich selbst und zu einer ganz besonderen Stärke, die ihre, durch die Namenlosigkeit sonst eher blasse, Persönlichkeit hervorhebt.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen, wie bereits erwähnt, die Geschichte, die die Protagonistin erzählt. In ihnen dreht sich alles um den Alltag ihrer Vergangenheit in der Wüste und die Liebe zu ihrer Familie, vor allen Dinge zu ihrer Schwester. Diese sind atmosphärisch so dicht beschrieben, dass man zeitweise das Gefühl hat, den heißen Wüstensand unter seinen Füßen zu spüren oder die klebrige Süße einer Dattel auf der Zunge zu schmecken. Stoffe werden so plastisch beschrieben, dass man sich vor seinen Augen sehen kann und beinahe glaubt, feine Seide über seine Haut gleiten zu spüren. Eben diese detaillierte Beschreibungsart macht das Buch sehr besonders und faszinierend, auch wenn die Geschichte an sich sehr leise dahinplätschert. "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" ist sicherlich nicht für jeden etwas, doch für diejenigen die eine ruhige und atmosphärische Märchenadaption von 1001 Nacht lesen wollen, ohne dass dabei eine romantische Liebesgeschichte im Vordergrund steht, wird sie sich vielleicht als sehr besonders hervorheben.


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1 Wortmalerei(en)

  1. Huhu Marie
    Ich muss ja ehrlich zugeben, dass "Tausend Nächte aus Sand und Feuer" auch immer noch auf mich wartet. Nachdem ich einige mittelmässige Meinungen gehört habe, wurde ich etwas skeptisch, aber nach deiner Rezension werde ich mich wohl doch bald trauen ....
    lg Favola

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]

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