Alle reden über Trauer / Trauer & Verlust in der Literatur

7:00:00 AM

Über den Tod und die damit verknüpfte Trauer sprechen viele nur ungern, der Umgang mit diesen durchaus schwierigen Themen ist noch immer mit viel Unsicherheit verknüpft und verleitet dazu, diese Dinge in sich hinein zu fressen, um bloß nichts davon nach Außen zu tragen. Im Rahmen der Aktion "Alle reden über Trauer" der lieben Silke, die auf ihrem Blog "In lauter Trauer" über den Verlust ihres Partners und die Trauer schreibt, soll das geändert werden und einen ganzen Tag offen und vielfältig über Trauer geschrieben, gesprochen und erzählt werden. Auch ich möchte ein Teil dieser Aktion sein und euch ein paar (Jugend)Bücher vorstellen, in denen Trauer, der Umgang und das Leben mit dieser eine zentrale Rolle spielen...



Themen wie Trauer und Verlust werden in überraschend vielen Kinder- und Jugendbüchern behandelt, dabei geht es nicht nur um den Verlust eines lieben Menschen, sondern oft auch mit dem Umgang einer tödlichen Krankheit, psychische Krankheiten und die Trennung der Eltern - alles Themen, in die die Trauer natürlich hineinspielt. In einigen Büchern wird die Trauer zusätzlich zu der Hauptgeschichte eingeflochten und im Laufe des Buches immer mehr zu einem Thema - beispielsweise geht es prinzipiell um die Selbstfindung eines jungen Menschen, der im selben Atemzug einen Trauerfall bewältigen muss und dieser dann zwangsläufig auch zum Selbstfindungsprozess dazugehört. Es gibt viele unterschiedliche Arten wie Romane mit Trauer umgehen, was mir aber aufgefallen ist, ist das einige davon den Tod bunt und - widersprüchlicherweise - lebendig darstellen, versuchen ihm die böse und düstere Maske zu entreißen und stattdessen auf eine spezielle Weise mit dem Thema umgehen, ohne dabei plakativ oder lasch damit umzugehen.

Meiner Ansicht nach sind es genau solche Bücher, die es mit einer provokativ-schönen Art schaffen, dem Tod und der Trauer ein Alltagsgesicht zu verpassen und die den Umgang mit diesen schwierigen Themen eindeutig erleichtern. Wenn man auch einmal lachen darf und wenn die Dinge nicht nur schwarz und weiß sind. Das heißt aber nicht, dass man während des Lesens nicht weinen muss oder dass der Tod und die Trauer nicht ernsthaft behandelt werden - ganz im Gegenteil, jedes der Bücher, die ich euch vorstellen möchte, hat sehr, sehr viel in mir ausgelöst und mich auf spezielle Art und Weisen mit dem Tod und der Trauer konfrontiert.



Ich habe die Bücher in zwei verschiedene Kategorien aufgeteilt, einmal in Bücher in denen es speziell darum geht, einen Trauerfall zu bewältigen, oder in denen der Verlust eines geliebten Menschen im Mittelpunkt steht und einmal Bücher, in denen das Thema eine sehr zentrale Rolle spielen, die aber noch andere Themen zum Schwerpunkt haben.



Caitlins beste Freundin hat sich umgebracht - und Caitlins Welt zerspringt in tausend Scherben, zumal sie nicht weiß, warum und sich fragt, ob sie den Tod hätte verhindern können. Trauer, keinen Boden mehr unter den Füßen zu spüren und Schuldgefühle spielen hier eine große Rolle. Caitlin versucht die Beweggründe ihrer besten Freundin herauszufinden und durchlebt dabei verschiedene Trauerstadien. Definitiv ein bewegendes, und nicht ganz einfaches Buch, das jedoch sensibel und feinfühlig erzählt ist.


Ein Buch, das wohl mit dem mir bekanntesten provokativsten Satz beginnt und knallhart ehrlich ist - dabei aber trotzdem feinfühlig bleibt. Es geht um Rhina, die ihren Vater verloren hat, und dessen Asche an einem Ort verstreuchen möchte, der ihm etwas bedeutet hat - Namibia in diesem Fall. Das Buch ist eine kleine Abenteuerreise, das nicht nur sensibel und direkt zugleich mit den Themen Tod und Trauer umgeht, sondern noch dazu Werte wie Freundschaft, Liebe und Familie vermittelt. Dabei schafft Anke Weber es, den Tod in viele Farben zu hüllen. Der Buchtitel ist hier eindeutig Programm - und das in vielerlei Hinsicht.



Auch Anke Webers zweites Werk "Das verdammte Chaos im Mikrokosmos" beschäftigt sich auf eine bunte und faszinierende Art und Weise mit dem Tod - die sechzehnjährige Milla, die bei ihrem Opa lebt, verheimlicht den Tod desselben und vergräbt ihn im Garten. Ziemlich skurril, oder? Im weiteren Verlauf des Buches geht es viel um den Umgang mit dem Tod, auch in anderen Kulturen. Anke Weber schafft es hier auf eine ganz besondere Art, den Tod bunt anzumalen und erzählt eindringlich, feinfühlig, aber auch sehr schrullig-skurril von Tod, Trauer und Verlust. Dabei hat sie keine Berührungsängste und versteht es, dem Leser die Angst vor diesen düsteren Themen zu nehmen.


Allein die Existenz dieses Buches hat schon eine besondere Vorgeschichte: Patrick Ness hat die Geschichte nach dem Tod von Siobhan Dowd, die an Krebs gestorben ist, zu Ende geschrieben und veröffentlicht und somit das Thema und die Botschaft des Buches noch einmal unterstrichen: das man seine Lieben manchmal gehen lassen muss und dass sie im Herzen bei einem bleiben. Das klingt nun erstmal sehr klischeehaft, doch das Buch hat einen besonderen Plot: es geht um den dreizehnjährigen Conor, dessen Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Jede Nacht plagen ihn Albträume, bis eines Nachts ein  uraltes, weises Monster ans Fenster klopft - und alles verändert. Man kann die Tiefgründigkeit und Schönheit dieses Buches in keinem so kurzen Text zusammenfassen, aber nur so viel: die Geschichte um Conor geht tief unter die Haut und beschäftigt sich mit Trauerbewältigung und Verlust und der Angst davor, verloren zu sein. Definitiv nicht nur ein Kinderbuch. Übrigens: die Geschichte wird verfilmt und kommt im Mai ins Kino...





Ein Sommerroman, der viel ernster und tiefgehender ist, als es der Name vermuten lässt. Das Thema trauer wird hier bereits vor dem Verlust des geliebten Menschen thematisiert, denn Taylors Vater leidet an Krebs, unheilbar. Ein letztes Mal will die Familie den Sommerurlaub gemeinsam in ihrem geliebten Sommerhaus verbringen. Für Taylor wartet dort nicht nur die letzte Zeit mit ihrem Vater, sondern auch die Vergangenheit. "Vergiss den Sommer nicht" beschäftigt sich zwar zu großen Teilen mit Trauer und der Verarbeitung eines Verlusts, bevor er überhaupt geschieht, doch es geht auch viel um Freundschaft, Streit und Familie - und natürlich um einen sehr ereignisreichen Sommer, der viel verändert. Die Geschichte hat mich bewegen können und ist mir unter die Haut gegangen - schließlich verbringt die Familie wissentlich ihre letzten Momente, was einerseits sehr schön ist, da man nah zusammenrückt, andererseits aber auch sehr, sehr traurig. Die Konfrontation der Trauer mit dem Menschen, der sterben wird, ist hochsensibel und sehr eindringlich erzählt.


Auch "Ich gebe dir die Sonne" ist ein Buch, das sich zwar sehr viel mit den Themen Tod, Trauer und vor allen Dingen Schuld und Trauerbewältigung beschäftigt, jedoch auch viele andere Dinge  wie Homosexualität, Kunst, Freundschaft, Liebe und Familie, bearbeitet. Es geht um das Zwillingspaar Jude und Noah, und wie dieses durch einen schweren Schicksalsschlag auseinandergetrieben werden. Jeder trägt sein Päckchen mit sich herum und versucht auf seine Weise mit der Trauer umzugehen. Dabei müssen sie lernen, dass man gemeinsam stärker ist und dass man manche Geheimnisse teilen muss, um Trauer bewältigen zu können. Die Geschichte ist sehr poetisch erzählt und beleuchtet beispielsweise Kunst als Ventil für Trauer. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden sehr lebensecht beschrieben, sodass man mit jeder Zeile mitfühlt und die Figuren am Ende nur sehr ungern gehen lässt. Die Autorin Jandy Nelson ist mir bereits von ihrem Debüt "Und über mir der Himmel" nachhaltig im Kopf geblieben, welches sich ebenfalls mit dem Verlust eines Menschen beschäftigt.


Natürlich ist dies nur eine sehr, sehr kleine Auswahl an Romanen über Trauer und Verlust und es gibt noch einige, die mich ebenfalls begeistern konnten und hier erwähnenswert wären. Und sicherlich werde ich noch einige Bücher lesen, die in diese Richtung gehen und das Thema Trauer in den Fokus rücken und zeigen, dass der Tod zum Leben gehört, dass es zwei untrennbare Dinge sind. Meiner Meinung nach findet man diese bunte Mischung, die einen offenen Umgang mit Trauer, Verlust und Tod suggeriert und vorlebt, vor allen Dingen im Jugendbuchbereich, was ich besonders schön finde. Die Bücher haben allesamt wichtige Botschaften und zeigen, dass man nicht alleine ist, dass alle Gefühle, die man beim Verlust eines geliebten Menschen hat, vollkommen okay, notwendig und wichtig sind.

Weitere Posts zur Aktion findet ihr hier.


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6 Wortmalerei(en)

  1. Liebe Marie, vielen Dank für die wunderbaren Büchertipps.
    Ich habe einige Bücher für kleinere Kinder bis 12 Jahrern mit dem Thema auf meinem Blog.
    Antelmann, Corinna, Saskias Gespenster http://www.therapeutic-touch-west.de/2016/11/saskias-gespenster/
    Wie kommt der große Opa in die kleine Urne? http://www.therapeutic-touch-west.de/2016/03/wie-kommt-der-grosse-opa-in-die-kleine-urne/
    und noch einige mehr.
    Schön dass Du auch mitmachst bei dieser Aktion.
    Deine Margarete

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    Replies
    1. Liebe Margarete,

      lieben Dank für deinen Kommentar. Deine Buchtipps habe ich mir direkt mal angesehen, sehr interessant! Ich finde es wichtig, dass auch kleinere Kinder ein solches Thema gut vermittelt bekommen!

      Liebe Grüße,
      Marie

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  2. Liebe Marie, mein erster Gedanke nach Ende des Posts war ganz einfach: wow. Es ist wunderbar, dass es ein Projekt für dieses Thema gibt. Dankeschön, dass du darauf aufmerksam machst!
    Tatsächlich ist es interessant, wie oft Trauer oder Krankheit oder Tod (bzw. alles gemeinsam) in Romanen behandelt wird. Ich persönlich muss sagen, dass ich eindeutig mehr Bücher mit den Inhalten gelesen habe als dass ich im täglichen Leben damit konfrontiert wurde, wofür ich natürlich dankbar bin. Der Grund für diese Nische erklärt sich für mich, wenn darüber gesprochen wird, dass Literatur immer Menschen und Menschenleben abbildet. Als einzelne Leserin musste ich mich selten mit großer Trauer oder Verlust beschäftigen, doch die Romane geben mir (im besten Fall) Verständnis und Veranschaulichung von existierenden Themen in unserer Zeit, oft auch gleichzeitig von Problemen. Und indem ich mich auf die Bücher einlasse, desto mehr Form nehmen diese Herausforderungen für mich an. Dadurch - hoffe ich - entsteht durch mehr Wissen und Erklärungen beim Lesen in meiner Weltperspektive mehr Toleranz und Verständnis gegenüber mehr Menschen. Im Endeffekt gibt es diesen Rückschluss natürlich nicht nur für Trauer oder Verlust, doch ich denke, als Leser*in merkt man ihn sehr viel stärker als in anderen Genres.
    Sehr interessante - und wichtige! - Beleuchtung dieser Themen. Hat mich angeregt und ich hab mir schon ein paar deiner Buchtipps vermerkt.
    Liebe Grüße,
    Leyla

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    Replies
    1. Liebe Leyla,

      es freut mich, dass dir mein Post und die komplette Aktion gefällt - ich finde es auch klasse, dass die liebe Silke da so ein tolles Projekt draus gemacht hat.

      Das stimmt, auch mir geht es so, dass ich mehr darüber gelesen habe. Der Tod scheint immer noch sehr weit weg zu sein - worüber ich natürlich froh bin, aber immerhin bekommt man eine Perspektive darauf und weiß, dass man im Falle eines Falles immerhin nicht allein ist.

      Das hast du wirklich sehr gut ausgedrückt und ich kann das auch nur genauso unterstreichen :)

      Ich hoffe, meine Buchtipps sagen dir zu, falls du mal eines davon liest!

      Viele liebe Grüße und danke für deinen tollen Kommentar,
      Marie

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  3. Eine liebe Freundin gab mir das Buch "Gehört das so" von Peter Schössow, als meine Mama im Dezember 2015 starb. Es ist zwar ein Kinderbuch und ich bereits Mitte 40, aber dieses Büchlein mit seiner einfachen Geschichte, die mitten ins Herz geht, hat mich zum lächeln gebracht. Als mein Schwiegervater knapp 11 Monate später starb, schenkte meine Schwägerin uns das Buch "Opas Engel" von Jutta Bauer. Dieses Buch scheint wie für meinen Schwiegervater geschrieben worden zu sein. Diese beiden Bücher kann ich jedem ans Herz legen. Kein Buch wird einem die Trauer nehmen können, aber ein Lächeln oder ein Verstehen kann in solch dunklen Stunden Balsam für die Seele sein.

    Alles Liebe von Peggy

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  4. Ein wirklich gelungener Beitrag mit ein paar sehr interessanten Büchern. In deiner Aufzählung fehlt mir eigentlich nur noch 'Wenn ich bleibe' von Gayle Forman. Das ist für mich nach wie vor ein sehr bewegendes Buch!

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]

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