The Hate U Give von Angie Thomas

6:28:00 PM

Die sechzehnjährige Starr lebt in zwei Welten. Zu Hause ist sie in dem verarmten Viertel Garden Heights, während sie eine Privatschule besucht, an der sie beinahe die einzige Schwarze ist. Als ihr ehemals bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem weißen Polizisten erschossen wird, bricht Starrs Welt zusammen. Plötzlich rückt sie in den Fokus der Aufmerksamkeit und muss sich entscheiden zwischen der echten Starr und ihrer Fassade, zwischen Wahrheit und Versteckspiel, Gerechtigkeit und Vorurteilen. In einer Welt, in der sie sich zwischen Rassismus, Gangs und Ungerechtigkeit behaupten und selbst finden muss.

Die Realität schreibt meist die grausamsten und ungerechtesten Geschichten. Dass eben solche Geschichten auch zwischen zwei Buchdeckel passen und - noch vielmehr sogar - unbedingt dorthin gehören, zeigt "The Hate U Give" von Debütautorin Angie Thomas mit beeindruckender Eindringlichkeit. Die Thematik um Rassismus und Ungerechtigkeit ist so aktuell wie nie und die Geschichte selbst könnte tatsächlich so passiert sein - was die Lektüre umso ergreifender und authentischer macht, aber natürlich auch umso erschreckender. Dabei muss das Buch nicht einmal perfekt sein, denn trotz kleinerer Makel trifft es mit kleinen Widerhaken direkt ins Herz und lässt einen ständig der Ungerechtigkeit wegen den Kopf schütteln. Wer in der papiernen Welt der Literatur nach Diversität, einem relevanten Thema und einer schwarzen Protagonistin sucht, der sollte sich "The Hate U Give" nicht entgehen lassen.

Man hört es immer wieder: unbewaffnete Schwarze, die von weißen Polizisten auf offener Straße erschossen werden - ohne einen triftigen Grund, der diese Tat rechtfertigen könnte. Das ist leider keine Tatsache, die nur auf dem Papier stattfindet, sondern ungeschönte Realität, in die man sich als privilegierte weiße Person vermutlich kaum hineinversetzen kann. Mit "The Hate U Give" gibt Angie Thomas Lesern jeder Art die Möglichkeit, das eben doch zu tun, indem sie ihn durch die Augen der Protagonistin Starr und ihrer Familie blicken lässt. Dabei erfährt man nicht nur die Ungerechtigkeit und den Rassismus, den sie Tag für Tag erleben muss, sondern wird vor allen Dingen auf einer menschlichen Ebene abgeholt. Familie, Freunde und Zusammenhalt sind Dinge, die Starr und ihre Familie großschreiben und genau das merkt man auf jeder Seite. Von Anfang an fühlt man sich in Starrs Familie zu Hause, auch wenn ihre Familienverhältnisse stellenweise etwas merkwürdig anmuten. So ist die Geschichte um Starr für mich nicht nur eine schockierende Lektüre, die Augen öffnen soll, sondern auch eine Geschichte über Menschlichkeit, die Relevanz der Familie und vor allen Dingen über eines: Mut. 

Denn auch wenn Protagonistin Starr mir nicht auf jeder Seite hundertprozentig sympathisch war, so beweist sie doch einiges an Mut und muss mehr als einmal über ihren eigenen Schatten springen. Sie auf ihrem Weg und ihrer Selbstfindung zu begleiten, war definitiv beeindruckend und faszinierend, vor allen Dingen weil es Angie Thomas gelingt, dass man sich in Starr und ihren Zwiespalt zu jeder Zeit hineinversetzen kann. Doch auch die anderen Figuren und vor allen Dingen, wie bereits erwähnt, Starrs Familie waren charismatisch und dreidimensional gezeichnet. Auch der Plot weiß zu überzeugen, besonders, weil sich die Geschichte nur langsam und nicht immer so entwickelt, wie man es sich erhoffen würde. Diese Tatsache, so traurig sie auch sein mag, macht die Geschichte wahnsinnig authentisch und erzählt ungeschönt von einer Realität, die man selten begreifen kann. Der Teufelskreis, in den viele schwarze Menschen hineingeraten (Drogen, Gangs, Kriminalität) und der durch den Titel "The Hate U Give" zusammengefasst wird, wird hier gezeigt und erklärt. Auch wenn Thomas am Ende keine perfekte Lösung anbieten kann, so gibt sie doch Hoffnung und vor allen Dingen Mut, dass Dinge wie Rassismus und Diskriminierung irgendwann kein Thema mehr sein müssen.

So brisant und wichtig die Thematik auch ist, hier und da hätte ich mir eine intensivere und vielfältigere Umsetzung gewünscht, die mehr Perspektiven mit einschließt und das Geschehen von mehreren Seiten beleuchtet. Dass "The Hate U Give" als Jugendbuch angelegt und Starr natürlich noch sehr jung, dafür aber sehr reflektiert ist, merkt man der Geschichte stellenweise etwas zu sehr an. Selbige Kritik findet sich auch im Schreibstil wieder, den ich teils als eher unausgereift und sehr simpel empfunden habe (wobei das natürlich stellenweise auch an der Übersetzung liegen kann). Im Gegensatz dazu gefiel mir die Umsetzung des Slangs in die Geschichte und die Erklärungen zu einzelnen Begriffen am Ende des Buches, sodass man Dinge, die man nicht versteht direkt nachschlagen kann. Im Gesamtbild sind die genannten Kritikpunkte jedoch nur kleinere Details, die mir aufgefallen sind, mir das Buch aber letztlich nicht vermiesen konnten - ganz im Gegenteil.

"The Hate U Give" ist ein wichtiges Buch, das besonders im Hinblick auf die junge Zielgruppe zu überzeugen und aufzurütteln weiß. Es ist ein Buch, das sicherlich nicht perfekt ist, aber eine Geschichte beinhaltet, die nicht weit von der Realität entfernt ist und gerade deswegen so relevant und wertvoll ist.

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6 Wortmalerei(en)

  1. Das Buch hört sich super an und interessant. Zwar lese ich meist keine Bücher, die sich mit so wichtiger Thematik beschäftigt, dennoch will ich das Buch unbedingt selbst mal lesen. :)

    Übrigens findet auf meinem Blog bis 8. September eine Giveaway statt // gewinnen könnt ihr eine Hülle von @caseapp. Freue mich über Teilnahmen!

    Liebe Grüße, Nathalie
    http://www.passionineverything.com

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    1. Hallo liebe Nathalie,

      oh, warum das nicht? Gerade solche Bücher sprechen mich immer besonders an :)

      Viele liebe Grüße,
      Marie

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  2. So schön beschrieben, liebe Marie! Bin froh, dass es dir gefallen hat. :)
    Starrs Persönlichkeit war mir zwar durchwegs sympathisch, aber das war nur mein Empfinden. Ihre Familie hat etwas magisches transportiert. Zusammen waren das eine Bande, die man einfach ins Herz schließen MUSS.

    Grüße dich lieb,
    Sandy

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    1. Heyho liebe Sandy,

      danke dir :) Oh ja, ihre Familie hatte wirklich ganz viel Magie. Mir ging immer das Herz auf, wenn Familiensituationen beschrieben worden sind! Wirklich etwas ganz besonderes ♥

      Ganz liebe Grüße,
      Marie

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  3. Ich finde es gut, dass Du zu diesem tollen Buch auch ein paar kritische Worte findest!

    Neri, Leselaunen

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]