Alles, was ich nicht erinnere von Jonas Hassen Khemiri

8:11:00 PM

Samuel, der schmächtige junge Mann, der versucht, sein Erlebniskonto zu füllen, wo er nur kann, hat viele unterschiedliche Gesichter. Er ist fürsorglicher Enkel, großzügiger Freund und hingebungsvoller Liebhaber zugleich - doch wer war er wirklich? Nach seinem tödlichen Autounfall versucht ein Schriftsteller Samuel und das, was mit ihm geschehen ist, reportartig zu rekonstruieren, indem er Freunde, Familie und Bekannte zu Samuel und seinem Leben befragt. Doch war es wirklich ein Unfall? Und wie konnte es soweit kommen?

EIN ROMAN WIE EIN KALEIDOSKOPARTIGER BLICK AUF EINEN MENSCHEN

Perspektive ist alles - das und die Tatsache, dass es keinen allgemeingültigen Blick auf ein und denselben Menschen gibt, verdeutlicht "Alles, was ich nicht erinnere" von Jonas Hassen Khemiri mit eindringlicher Stimme und einem überraschend spannendem Erzählstil. Khemiri erzählt von dem Schicksal eines jungen Mannes aus den verschiedenen Blickwinkeln der Menschen, die er kannte und die von einem Schriftsteller zu dessen Schicksal befragt werden. Was zu Beginn verwirrend und zusammenhanglos zu sein scheint, entwickelt sich im Laufe des Romans zu einem komplexen Spiel aus Wahrheit und Widersprüchen, sodass ein verzerrtes und undurchschaubares Abbild des Protagonisten Samuel entsteht. "Alles, was ich nicht erinnere" ist wie ein Blick durch's Kaladeiskop - jeder, der hineinblickt, sieht etwas anderes, ein Spiegelbild seines eigenen Lebens und Erfahrungsschatzes. Ein beeindruckender Roman, bei dem man als Leser gefordert wird, mitzudenken und möglichst aufmerksam mitzulesen.

Tatsächlich kommt man sonst schnell durcheinander, denn der Roman ist in kleine Abschnitte unterteilt, die, jeweils durch ein Sternchen getrennt, die unterschiedlichen Perspektiven darstellen und diese stetig wechseln. Manchmal durcheinander, meistens abwechselnd kommen so die verschiedenen Figuren zu Wort und erinnern sich im Nachhinein an Samuel und dessen Leben, oft parallel zur selben Situation. Durch die daraus oft entstehenden Widersprüche fällt es schwer, irgendeiner der Figuren wirklich zu glauben und auch Sympathie lässt sich nur sporadisch herstellen, dennoch erhält man ein plastisches Bild der verschiedenen Figuren. Besonders relevant sind hier Laide, die eine Beziehung mit Samuel hatte, und Vandad, der sein bester Freund war - die Erinnerungen und Gedanken der beiden Figuren geben viel Raum für Interpretation und auch wenn man viel herauslesen kann, so ist die Wahrheit am Ende doch nur ein wackeliges Konstrukt, von dem man nicht weiß, ob es tatsächlich real ist. Samuel ist der, zu Beginn der Geschichte bereits verstorbene, Protagonist der Geschichte, der wie ein Geist über den Erinnerungen schwebt und von dem man gleichzeitig nichts und alles erfährt. Er verbindet alle Figuren miteinander und zeigt, dass der Mensch viele Gesichter hat und das jeder Mensch seine eigene Geschichte in das Gesicht eines anderen projiziert.

VIELFÄLTIG & KOMPLEX - MIT EINER FASZINIERENDEN GRUNDSTIMMUNG

Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund eines modernen Stockholms - zwischen Großstadtfeeling und Immigration erhält der Leser das multikulturelle und vielfältige Bild der schwedischen Hauptstadt. Unterstrichen wird diese Atmosphäre von dem geradlinigen Schreibstil, der je nach Sichtweise variiert und sich durch die berichtartige Erzählung wie gesprochene Alltagssprache liest. Dabei büßt der Schreibstil jedoch nicht an Tiefgründigkeit ein, sondern lässt immer wieder Platz für doppelte Böden. "Alles, was ich nicht erinnere" liest sich trotz der leicht verwirrenden Art der Erzählung (anfangs muss man etwas konzentrierter lesen und dranbleiben!) wie ein rasanter Thriller und ist besonders im Mittelteil kaum aus der Hand zu legen - und das obwohl die Geschichte thematisch eher von ruhigerem Ton ist. Hier sind es besonders die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Widersprüchlichkeit, die den Leser neugierig bleiben lässt. Hinzu kommt die auf eine merkwürdige Art faszinierende Grundstimmung, die leicht düster und geheimnisvoll anmutet.



"Alles, was ich nicht erinnere" bietet einen kaleidoskopartigen Blick auf einen Menschen und demonstriert mit gleichzeitig eindringlichem und ruhigem Erzählton die Vielfalt der Perspektive und die verschiedenen Gesichter eines Menschen, sowie das Schicksal mehrer Menschen vor der Kulisse der schwedischen Hauptstadt.

Schon gelesen?

7 Wortmalerei(en)

  1. Das klingt ja spannend, ich suche noch nach Lesestoff wenn ich im Hotel Kaltern Südtirol übernachte, ich glaub ich lese den roman auch :)

    ReplyDelete
    Replies
    1. Hallo Kevin,

      das solltest du, es lohnt sich :)

      Liebe Grüße,
      Marie

      Delete
  2. Wow, das klingt super spannend und faszinierend. Besonders die Aufmachung des Buches und die goldene Schrift sind toll!

    Neri, Leselaunen

    ReplyDelete
    Replies
    1. Hallo liebe Neri,

      das ist es auch wirklich :) Man muss sich darauf einlassen, aber wenn man das tut, bekommt man eine faszinierende Geschichte! Und ja, die Aufmachung ist wirklich wunderschön!

      Alles Liebe,
      Marie

      Delete
  3. Hallo liebe Marie,

    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und bin total verliebt. Ich finde ihn erst mal wirklich wunderschön und du machst wirklich großartige Bilder! Dann diese Rezension. Wirklich traumhaft geschrieben. Man merkt richtig, wie du dich mit dem Buch auseinander gesetzt hast!
    Das Buch sieht auch wirklich hübsch aus. Außerdem klingt es sehr interessant. Ein Buch mehr auf meiner Wunschliste! :)

    Ganz liebe Grüße x
    Sara

    ReplyDelete
    Replies
    1. Hallo liebe Sara,

      vielen lieben Dank für deine lieben Worte. Ich freue mich sehr, dass dir mein Blog und die Rezi gefallen :) Auf deinem Blog werde ich jetzt auch mal stöbern gehen!

      Alles Liebe,
      Marie

      Delete
  4. Huhu!

    Das klingt unheimlich spannend und interessant geschrieben! :-) Schöne Rezension.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

    ReplyDelete

Lasst mir eure Wortmalereien hier!

Powered by Blogger.

Gefällt dir?

Leser

Die Wortmalerin

My photo
Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]