Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

1:26:00 PM

England im Jahr 1852: Der Biologe und Samenhändler William kann seit Wochen das Bett nicht verlassen. Als Forscher sieht er sich gescheitert, sein Mentor Rahm hat sich abgewendet, und das Geschäft liegt brach. Doch dann kommt er auf eine Idee, die alles verändern könnte – die Idee für einen völlig neuartigen Bienenstock. 
Ohio, USA im Jahr 2007: Der Imker George arbeitet hart für seinen Traum. Der Hof soll größer werden, sein Sohn Tom eines Tages übernehmen. Tom aber träumt vom Journalismus. Bis eines Tages das Unglaubliche geschieht: Die Bienen verschwinden. 
China, im Jahr 2098: Die Arbeiterin Tao bestäubt von Hand Bäume, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Mehr als alles andere wünscht sie sich ein besseres Leben für ihren Sohn Wei-Wen. Als der jedoch einen mysteriösen Unfall hat, steht plötzlich alles auf dem Spiel: das Leben ihres Kindes und die Zukunft der Menschheit.

ES SIND DIE KLEINEN DINGE, DIE DIE MACHT HABEN ALLES ZU VERÄNDERN

Wenn es um die Frage geht, wie unsere Welt auseinander fällt, wird es meist pompös: Tsunamis, Erdbeben, Zombies oder Aliens - sicherlich alles wurde schon einmal auf die ein oder andere Weise in Büchern thematisiert. Selten sieht man zwischen diesen großen Ängsten die kleinen Dinge, die unsere Welt zusammenhalten, die so unverzichtbar unser Leben prägen und kontrollieren und die wir doch kaum wahrnehmen. Mit ihrem faszinierenden Roman "Die Geschichte der Bienen" spricht Maja Lunde ein solch vermeintlich kleines Ding an und thematisiert in drei Handlungssträngen auf unterschiedlichen Zeitebenen die Geschichte der Bienen und das Leben der Menschen - zwei Dinge, die viel mehr miteinander zusammenhänge, als man denken würde. Dabei stehen die Protagonisten und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen oder sozialen Stellungen jeweils im Vordergrund, wobei die Bienen stets eine tragende Rolle spielen und das Schicksal der Figuren ändern. Dazu passen auch die unterschiedlichen Zeitebenen, die sich auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft beziehen. "Die Geschichte der Bienen" ist ein besonderer Roman, der sich, oft ein wenig distanziert, durch eine melancholische Grundstimmung und problematische Beziehungen, Figurenkonstellationen und Schicksale auszeichnet und zum Nachdenken anregt.

"Die Geschichte der Bienen" ist von stillen Tönen geprägt. Die Geschichte liest sich auf eine ruhige und unaufgeregte Art, wenn sie auch thematisch nicht immer ganz so ruhig ist. Einerseits hat das einen melancholischen Effekt zur Folge, andererseits führt es oft dazu, dass man sich mit den Figuren nicht allzu sehr verbunden fühlt. Nur in wenigen Momenten verschwindet das Glas, hinter dem man die drei Handlungsstränge beobachtet, und man fühlt sich der Welt vollkommen zugehörig - den Rest der Zeit, fühlt man sich als Leser eher distanziert. Womöglich liegt das auch an den ständig wechselnden Perspektiven, die dazu führen, dass Brüche entstehen, die den Lesefluss hier und da ein wenig stören. Insgesamt jedoch liest sich die Geschichte sehr flüssig und man will immer wissen, wie es mit jedem Handlungsstrang weitergeht - stets mit dem Hinterganden der Bienen, die jede der Geschichten auf eine andere Art prägen. Am emotionalsten empfand ich die Geschichte in der Zukunft, sowie die in der Gegenwart, da man bei den beiden Protagonisten Tao und George noch am meisten mitfiebern und sich in ihre Lage hineinversetzen kann.

ELTERN-KIND-BEZIEHUNGEN STEHEN IM MITTELPUNKT

Generell ist das Buch von sozialen Beziehungen geprägt, besonders in Bezug auf Eltern-Kind-Beziehungen, die stets problematisch sind oder problematisiert werden und neben den Bienen der Verbindungspunkt aller drei Ebenen darstellt. Jeder der Handlungsstränge thematisiert eine solche Eltern-Kind-Beziehung und lässt sich diese vor dem Hintergrund der Bienengeschichte entwickeln - und immer wieder schafft es Maja Lunde die Geschichten hintergründig und doch so offensichtlich miteinander zu verweben. Alles gehört zusammen, alles ist eine Konsequenz, eine Folge von etwas Vorangegangenem, das lernt der Leser mit jedem Kapitel einmal mehr. "Die Geschichte der Bienen" ist keine reißerische oder voyeuristische Lektüre und das muss sich auch gar nicht sein. Sie bleibt im Kopf, allein durch die stillen und leisen Töne, die sich unbemerkt ins Leserherz schleichen und dort ihre Geschichte zu erzählen wissen: eine Geschichte von Konsequenzen, Verbindungen, Familie und den kleinen Dingen, die oft die größten Veränderungen bewirken und mit denen man besonders behutsam umgehen sollte. Eine schöne Geschichte, die mich sehr bereichert hat und die ich jedem ans Herz legen möchte, der nach einer ruhigen Geschichte mit umso größerer Bedeutung sucht.

Schon gelesen?

2 Wortmalerei(en)

  1. Hallo Marie,

    ich habe diesen Roman auch richtig gern gelesen. Vor allem die drei Handlungsstränge fand ich sehr gelungen und die Thematik regt zum Nachdenken und auch ein wenig zum Umdenken des eigenen Handelns an. Ich habe einige Sträucher für Bienen gepflanzt, mal sehen, ob sie im nächsten Frühjahr die kleinen Insekten anlocken.

    Hier ist meine Rezi zu dem Buch:
    http://sommerlese.blogspot.de/2017/04/die-geschichte-der-bienen-maja-lunde.html

    LG Barbara

    ReplyDelete
  2. Die Bedeutung finde ich besonders wichtig! Ich mag das Buch auch noch lesen.

    Neri, Leselaunen
    www.leselaunen.net

    ReplyDelete

Lasst mir eure Wortmalereien hier!

Powered by Blogger.

Gefällt dir?

Leser

Die Wortmalerin

My photo
Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]