Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski

11:30:00 AM

Emilia war noch Emilka, als ihre Eltern mit ihr losfuhren – raus aus dem grauen Polen, nach Westberlin! Das war 1988. Nur ein Jahr später hatte sie einen neuen Namen, ein neues Land, eine neue Sprache: Sie war jetzt Deutsche, alles Polnische war unerwünscht. Wenn die neuen Kollegen der Eltern zum Essen kamen, gab es nicht etwa Piroggen, sondern Mozzarella und Tomate. Und als Emilia ein Deutschdiktat mit zwei Fehlern nach Hause brachte, war ihre Mutter entsetzt: Was war schiefgelaufen? Ergreifend erzählt Emilia Smechowski die persönliche Geschichte einer kollektiven Erfahrung: eine Geschichte von Scham und verbissenem Aufstiegswillen, von Befreiung und Selbstbehauptung.

MUTIG, EHRLICH, SCHONUNGSLOS 

Ich habe keinen polnischen Migrationshintergrund. Keinen jedenfalls, der mich in eine Identitätskrise stürzen würde. Die polnischen Wurzeln in meiner Familie (übrigens mütterlicher- UND väterlicherseits) liegen so viele Generationen zurück, dass ich zu Polen keine direkte Verbindung habe - mal abgesehen davon, dass mein Freund polnisch stämmig ist und in den 90er Jahren mit seiner Familie nach Deutschland kam. Meine Motivation "Wir Strebermigranten" von Emilia Smechowski zu lesen, liegt daher unter anderem darin und  außerdem in der Tatsache begründet, dass mein Heimatbegriff durch viele Umzüge (auch über die Landesgrenze hinaus, tatsächlich sogar in den Osten, jedoch nach Tschechien) etwas weiter und unkoventioneller gefasst ist und meine Identität definitiv geprägt hat. Migration und Integration sind schon seit Langem aktuelle und relevante Begriffe, die unser Gesellschaftsbild prägen und immer wieder zu Diskussionen führen. Und noch viel wichtiger: sie gehen uns alle etwas an. Sie sind allgegenwärtig und müssen hörbar gemacht werden, damit Verständnis entstehen kann. "Wir Strebermigranten" ist ein solches Buch, das die Stimme einer Generation mit Migrationshintergrund und die Schwierigkeiten mit diesem hörbar, sichtbar und verständlich macht.

"Wir Strebermigranten" ist eine Lebensgeschichte, eine Migrationsgeschichte, ein Familienroman , eine Autobiographie und ein kritischer Blick auf eine Situation zugleich. Emilia Smechowski erzählt ihre eigene Lebens- und Migrationsgeschichte und zieht dabei nicht nur Verbindungen zu der aktuellen Flüchtlingssituation, sondern hat noch dazu einen ungeschönten, ehrlichen und kritischen Blick auf sich selbst, ihre Familie, Polen, Deutschland und alles dazwischen. Mit ihrer nachdenklichen und reflektierenden Erzählstimme und einer bildhaften Sprache nimmt sie den Leser mit auf eine generationsübergreifende Reise von Polen nach Deutschland und wieder zurück. Sie beleuchtet dabei nicht nur ihre eigene Kindheit und die Problematik der Scham, sondern auch die Geschichte ihrer Eltern, sodass ein plastisches Bild einer Familie entsteht. Thema ist vor allen Dingen die Unsichtbarkeit der Polen, die zwar als zweitgrößte Migrationsgruppe in Deutschland lebt, jedoch im Vergleich als integriert und unauffällig gilt. Das diese Tatsache nicht unbedingt ein Grund zur Freude und vielmehr eine Konsequenz der Scham und des Verlustes der eigenen Identität ist, wird in "Wir Strebermigranten" von verschiedenen Seiten beleuchtet und kommentiert. 

WAS IST EIGENTLICH EINE GELUNGENE UND GUTE INTEGRATION?

Auch wenn meine Verbindung zu dem Land mit der weiß-roten Flagge nicht konkret ist und mein Wissen über Polen sich (bisher!) auf Bigos, Piroggen (yummy!) und einige Wortfetzen beschränkt, konnte "Wir Strebermigranten" mich fesseln, aufwühlen und mir eine Thematik vor Augen halten, die mir so gar nicht unbedingt bewusst war. Die Frage, was eine gute und für alle Seiten gelungene Integration denn nun eigentlich ausmacht, steht dabei stets im Mittelpunkt - die Antwort ist in jedem Fall nicht das Verstummen und Verstecken einer Herkunft, wie es viele polnische Migranten aus verschiedenen Gründen augenscheinlich getan haben. Emilia Smechowski schafft es, nicht nur ihre eigene Geschichte auf eine kritische und ehrliche Weise zu erzählen, sondern schlägt zudem eine Brücke, indem sie den Leser dazu bringt, den eigenen Gedankenschatz und den Umgang mit Integration und Migration zu überdenken und den Blick auch auf das eigene Land noch weiter zu schärfen. Dabei zeigt sie sich als starke und mutige Frau, die ihren eigenen Weg geht und langsam zurück zu ihren Wurzeln und ihrer Identität zu finden versucht. "Wir Strebermigranten" ist ein Buch, das viel mehr Menschen lesen sollten - ganz gleich aus welchen (Hinter-)Gründen -, denn es öffnet den Blick und die Welt.

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Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, und nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz. [aus Tintenherz]