Rezension: Über mir der Himmel von Jandy Nelson

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Autor: Jandy Nelson
Titel:Über mir der Himmel
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: cbj (23. August 2010) 
ISBN-10: 3570138771 
ISBN-13: 978-3570138779
Preis: 14,95 €
Originaltitel: The Sky Is Everywhere
Themen: Verlust; Tod; Selbstfindung; erste Liebe
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«Ich will, dass Bailey quer auf ihrem Bett liegt und liest. Ich will mit ihr über Joe reden, ich will ihr dieses Lied vorspielen. Ich will meine Schwester wiederhaben. Ich will ein Hochhaus auf Gott schleudern.»
[aus Über mir der Himmel, S. 196]

Erste Sätze: "Grama sorgt sich um mich. Und das nicht nur, weil meine Schwester Bailey vor vier Wochen gestorben ist, meine Mutter sich sechzehn Jahre lang nicht bei mir gemeldet hat oder gar weil ich nur noch an Sex denke."

Inhalt:
Siebzehn Jahre hat Lennie glücklich im Schatten ihrer strahlenden Schwester gelebt, siebzehn Jahre haben die beiden ihre Kleider, ihre Gedanken, ihr Lachen geteilt. Doch jetzt ist Bailey tot und Lennie in einem Haus der Trauer, wo niemand rein- oder rauskommt. Es ist, als hätte jemand den Himmel ausgeknipst. Bis Lennie sich verliebt – zum ersten Mal in ihrem Leben und gleich in zwei Jungen: Joes magisches Lächeln wird nur noch von seinem musikalischen Talent übertroffen; Toby ist stiller Cowboy, mutiger Skater – und Baileys große Liebe. Für Lennie sind sie wie Sonne und Mond; einer stößt ein Fenster in ihrem Herzen auf und lässt das Licht herein, bei dem anderen hat ihr Schmerz ein Zuhause ...

Schreibstil:
Jandy Nelson hat einen wunderbar leichten Schreibstil, der poetisch und tiefgründig ist, ohne kitschig oder zu viel zu werden. Man kann ihn lesen, aber man kann ihn auch schmecken und fühlen, denn er spiegelt all die Gefühle wieder, die dieses Buch mit sich bringt. Die Autorin schafft es einfach die eigentlich traurige Atmosphäre auf Grund ihres Schreibstiles aufzulockern, sodass das Buch nicht die Schwere besitzt, die man vielleicht annimmt zu finden. Ich bin sehr fasziniert und begeistert, von der Art wie Nelson schreibt und würde sehr gerne noch mehr davon lesen.

Meinung:
Manchmal gibt es diese kleinen, unscheinbaren Bücher, die man liest, weil man nicht allzu viel erwartet oder weil einen irgendetwas an diesem Buch schon immer angezogen hat. Und manchmal wird man überrascht, weil diese Geschichte so gar nicht das erfüllt hat, was man von ihr erwartet hat. Genau so war es mit Über mir der Himmel, welches ich schon sehr lange auf meiner Wunschliste und nun endlich gelesen habe. Was mich abgehalten hat, es zu lesen, weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht war es das Cover, das zwar hübsch anzusehen ist, aber dennoch an so viele andere Bücher erinnert oder es war die Tatsache, dass die Geschichte vom Verlust und dem Tod erzählt, was ja immer ein sehr schweres Thema ist. Einmal angefangen konnte ich das Buch jedoch nicht mehr aus der Hand legen, denn obwohl das Thema traurig und schwierig ist, hat die Autorin eine ganz besondere Geschichte geschaffen mit einer unglaublich leichten Atmosphäre und wunderbar herzlichen Charaktern, die man direkt ins Herz schließt.

Das Buch spielt vier Wochen nach dem Tod von Lennies Schwester Bailey, sodass die Trauer zwar noch frisch, jedoch nicht mehr unmittelbar ist. Als Leser erwartet man von Lennie natürlich einen leicht depressiven und tief trauernden Charakter, doch man lernt ein verwirrtes, verlassenes Mädchen kennen, dass zwar noch nicht mit dem Tod ihrer Schwester umgehen kann, aber dennoch ihre Lebensfreude und ihren Humor nicht verloren hat. Sie hat Momente, in denen sie nicht mehr weiter weiß, in denen sich die Abwesenheit ihrer Schwester so sehr bemerkbar macht, dass sie es nicht aushält und dennoch lernt man sie als halbwegs fröhliches Mädchen kennen. Es ist schwer Lennie so zu beschreiben, wie sie wirklich ist, denn sie ist natürlich am Boden zerstört, doch trotzdem kein emotionales Wrack. Sie ist auf jeden Fall eine große Sympathieträgerin, wenn sie auch Dinge tut, die moralisch nicht ganz richtig sind, die man aber als Leser irgendwie trotzdem verstehen kann. Sie ist ein Bücherwurm, Klarinettistin, vergöttert Sturmhöhe und schreibt, wo immer sie nur kann.

Jeder Charakter in dem Buch war sehr gut ausgearbeitet und hatte diese Wohlfühlaura, dieses Herzliche, das den Leser innerhalb kürzester Zeit in die Geschichte zieht und nicht mehr loslässt. So zumindest habe ich die Charakter empfunden - ein jeder hatte seine Macke, ob das nun Grama mit ihrer Blumensucht ist, Onkel Big, der ständig heiratet und tote Insekten zum Leben erwecken will, Sarah, die Feminsitin ist, Joe, der immer ein Strahlen im Gesicht trägt oder Toby, der seine große Liebe verloren hat und nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Jeder hatte seine guten und seine schlechten Seiten und jeder (außer natürlich die stereotypische Oberzicke Rachel) hat ein Platz in meinem Herzen gefunden. man fühlt sich irgendwie als Teil dieser verrückten Familie, die zwar in einem Haus voller Trauer steckt, aber trotzdem weiterhin nach vorne sieht.

Auch die Liebesgeschichte spielt in diesem Buch eine große Rolle. Zwar ist Lennie geschockt, dass sie so kurz vor dem Tod ihrer Schwester, ein derart großes Interesse am männlichen Geschlecht entwickelt, doch plötzlich kann sie sich Tobys Blick nicht mehr entziehen. Und Toby ist/war der Freund von Bailey. Gemeinsam empfinden sie eine so große Liebe und Trauer gegenüber Bailey, dass sie sich körperlich näher kommen, was auf den ersten Blick natürlich ziemlich befremdlich ist und auch die beiden haben daher selbstverständlich Schuldgefühle, doch beide glauben, dass kein anderer sie so gut verstehen kann, wie der jeweils andere. Die Zuneigung, die Joe und Lennie empfinden ist daher verständlicher und viel schöner, da sie von Musik, Freude und echten Gefühlen lebt. Die Szenen zwischen den beiden sind einfach immer wunderschön und ehrlich und fühlen sich nicht nur für den Leser richtig an. Doch irgendwann müssen die zwei Welten, die Welt der Trauer mit Toby und die Welt des Glücks mit Joe aufeinander treffen und ein weiterer Konflikt ist daher natürlich vorprogrammiert.

Lennies Entwicklung vom selbst ernannten Beistellpony zum Rennpferd, da sie immer im Schatten ihrer Schwester gelebt hat und dies auch nie ändern wollte, ist auch sehr realistisch und gut zu beobachten. Diese wird vorallen Dingen durch kleine Geschichten und Gedichte, die Lennie auf Papiere, Pappbecher und Tüten schreibt und dann einfach liegen lässt, wo auch immer sie gerade ist, verdeutlicht. So schreibt sie über ihre Gefühle oder erweckt Erinnerungen zwischen ihr und Bailey wieder zum Leben. Diese Erinnerungsfetzen und Gedanken wurden im Buch sehr schön gestaltet, da sie anhand von Bildern in Szene gesetzt wurden - so hat man noch mehr fürs Auge!

Das Schöne an dem Buch ist, dass es so eine Heul-Lach-Geschichte ist. Das heißt, wenn man in einem Moment noch Tränen in den Augen hat, weil Lennie so sehr trauert, lacht man im nächsten Moment schon, weil wieder irgendetwas witziges geschehen ist. Es gibt Schmachtmomente, Wutmomente, Heulmomente, Lachmomente, Nachdenkmomente und diese Abwechslung macht das Buch einfach lesenswert und wunderschön.

Fazit:
Ich bin sehr begeistert von der Geschichte, die so schwer und leicht daher kommt, dass man sie nur mögen kann. Man kann sie schnell weglesen und sie bleibt einem dennoch im Gedächtnis und trotz des Themas, findet man hier eine tolle Geschichte für den Frühling/Sommer. Ich kann sie jedem ans Herz legen, der sich mit dem Thema Verlust beschäftigen will, jedoch nicht davon runtergezogen werden möchte, denn genau das schafft Über mir der Himmel.

Bedeutung des Titels:
Bei dem englischen, sowie bei dem deutschen Titel, spielt der Himmel eine große Rolle. Das liegt daran, dass Lennie ständig in den Himmel sieht und oftmals einfach nur da liegt und hinauf sieht. Es gibt eine Stelle, in der Big sagt, dass der Himmel überall ist, auch auf dem Boden, was den englischen Titel begründet. Außerdem denke ich, dass sie mit dem Himmel ihre Schwester in Verbindung bringt, wenn sie sich vorstellt, dass sie dort oben ist, da sie öfter in ihren Gedichten beschreibt, wie Bailey von oben herab sieht.



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