Rezension: Flüsterherz von Debora Zachariasse

5:21:00 PM


Autor: Debora Zachariasse
Titel: Flüsterherz
Gebundene Ausgabe: 340 Seiten
Verlag: Coppenrath  
ISBN-10: 9783815753019 
ISBN-13: 978-3815753019
Preis: 14,95 €
Originaltitel: Het Fluisterboek
Genre: Realitätsroman; Kinder- & Jugendbuch
Themen: Depressionen; Suizid; Schuldgefühle; Freundschaft
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«Ich wusste keinen Rat mehr. Neun Jahre ging ich jetzt schon in die Schule und was hatte ich bisher gelernt? Ich konnte imaginäre Dreiecke zerteilen. Hurra! Aber wie ich meiner Freundin helfen konnte - keine blasse Ahnung. Wenn ich Bauchweh hatte, dann wusste ich, dass es daran lag, dass Bauchspeicheldrüse und Zwölffingerdarm sich verkrampften. Aber ich hatte keinen Schimmer, warum sie jedes Mal, wenn ich Easy sah, einen Tanz aufführten.»
[Debora Zachariasse - Flüsterherz; S. 286]

Erster Satz:
Wir essen Salat.

Inhalt:
Schule, Geigenunterricht, Orchester, Hockey, Hausaufgaben, das ist Annas Alltag. Wie anders das Leben sein kann, erfährt sie erst durch ihre neue Klassenkameradin Tibby. In dem idyllischen Häuschen am Fluss fühlt Anna sich pudelwohl, gerade weil es hier nicht so piekfein ist wie zu Hause, sich die Geschirrstapel türmen dürfen und eine Schar schnurrender Katzen das Haus bevölkert. Gemeinsam erleben die beiden ungleichen Freundinnen dort einen fantastischen Sommer. Doch dann bröckelt die Fassade und Anna muss feststellen, dass Tibby es alles andere als leicht hat. Unter der Last ihrer Sorgen immer bedrückter und launischer, verlangt Tibby ihrer Freundschaft alles ab. Anna bemüht sich darum, Tibby zu helfen, stößt aber immer mehr an ihre Grenzen. Und dann ist da auch noch Easy, in den Anna sich verliebt und mit dem sie immer öfter Zeit verbringt. Wie ernst Tibbys Lage ist, merkt Anna erst, als es fast zu spät ist. [Quelle: Amazon]

Schreibstil:
Der Schreibstil von Debora Zachariasse ist einer jüngeren Zielgruppe angepasst. Das merkt man zwar, wenn man das Buch liest, jedoch ist es nicht so, dass man es ab einem bestimmten Alter nicht mehr lesen könnte. Teilweise verströmt die Sprache einen Hauch Poesie - aber nie zu viel und auch nie zu wenig. Mit ihrem Schreibstil baut die Autorin von Kapitel zu Kapitel eine sehr beklemmende Atmosphäre auf, sodass man immer weiterlesen will. Das Buch lässt sich somit und durch den einfach, angenehm lesbaren Schreibstil sehr schnell und flüssig lesen, ohne das Passagen auftreten, die sich in die Länge ziehen.

Meinung:
Auf meiner Suche nach einer sommerlich leichten Lektüre bin ich immer wieder auf Flüsterherz gestoßen und kam dann schließlich nicht daran vorbei. Ganz so leicht und frisch, wie es von dem wirklich schönen, jugendlich gestaltetem Cover her wirkt, ist es dann jedoch nicht. Eine beklemmende Atmosphäre, wie die Ruhe vor dem Sturm zieht sich durch das ganze Buch, bis zu dem Augenblick, in dem alles eskaliert. Gerade diese Spannung - natürlich ist es keine aktionshaltige Spannung, sondern eine, die sich hinter den Worten verbirgt hält und die man spüren kann - führt dazu, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann.

Das Buch beginnt unbeschwert, federleicht und liebevoll mit einem leicht bitteren Nachgeschmack, den man jedoch noch nicht richtig einordnen kann. Tibby ist dunkelhäutig, temperamentvoll, scheinbar voller Leben und davon ist Anne, die wohlbehütet und streng erzogen wurde, unglaublich fasziniert. Sehr schnell entwickelt sich eine besondere Freundschaft zwischen den Beiden und anfangs wirkt es noch so, als würde Tibby Anne vom Leben kosten lassen und ihr neue Eindrücke geben. Tibby scheint ein wunderbar leichtes und tolles Leben zu führen und oft beneidet Anne sie. Diese ungleichen Mädchen wurden sehr gut herausgearbeitet und sind glaubwürdig gezeichnet. Beide haben unterschiedliche Lebensgeschichten, die so gar nicht klar nebeneinander liegen, sondern Welten trennen. Anne hat eine sichere, bodenständige Familie, die zwar oft streng ist, die aber immer für sie da ist, während Tibby zwar leichter und freier zu leben scheint, ihre Eltern jedoch nie für sie da sind.

Teilweise fiel es mir eher schwer mich mit Anne zu identifizieren, da sie sich immer viel zu leicht mitreißen lässt. Ich verstehe zwar dieses Gefühl, dass man jemanden nicht im Stich lassen will, aber man sollte dafür nicht sein ganzes Leben und seine Zukunft aufs Spiel setzen. Gerade darum geht es jedoch in diesem Buch und ich denke, dass es sehr wichtig ist, diese Gefühle und Gedanken in einer Zeit zu vermitteln, in der viele Menschen unter Depressionen leiden. Auch von Easy, in den Anne sich verliebt, hätte ich mir mehr Nähe gewünscht. Er wirkte mir immer zu distanziert und es war schwer sich in ihn hinein zu versetzen. Zwar ist das nicht das Hauptthema des Buches, aber es wäre schön gewesen, mehr von ihm und seinen Gefühlen zu erfahren.

Diese Tatsache, dass Tibby vielleicht doch nicht so glücklich und selbstbewusst ist, wie sie immer tut, nimmt Anne erst sehr spät wahr. Tibby wird immer schlechter in der Schule, macht nichts mehr und scheint Anne nur noch auszunutzen. Diese einseitige Freundschaft, in der Anne sich für Tibby aufopfert und immer mehr ihr eigenes Leben für sie vernachlässigt, hat mich sehr nachdenklich gemacht und mitgerissen. Die Autorin hat sehr verständlich und glaubwürdig herausgestellt, wie Menschen sich verhalten und reagieren, wenn andere Menschen sich gehen lassen und immer tiefer sinken. Anne, die eine besonderes moralische Einstellung zum Leben hat und ihren Freunden natürlich immer helfen will, lässt sich nur zu leicht von Tibby um den Finger wickeln.

Das Buch ist rückblickend erzählt und zwischendrin gibt es immer wieder Passagen, in denen Anne gewisse Situationen reflektierend betrachtet und darüber nachdenkt, was sie hätte tun könenn, ob sie Tibby hätte im Stich lassen müssen oder ob sie viel früher hätte handeln müssen. So fragt man sich natürlich immer wieder, was mit Tibby geschehen ist, was sie zu dem Menschen gemacht hat, der sie ist und warum sie sich so ungerecht gegenüber Anne verhält, die alles für sie tun würde.

Das Thema lässt sich natürlich nur schwer einfangen und wiedergeben und es ist einfach ein Buch, dass man selber erkunden muss. Die Thematik ist schwer und beschäftigt sich mit Selbstmord, Depressionen und der Reaktion eines anderen Menschen, der diese Gedanken und Taten nicht nachvollziehen kann und der mitgerissen wird in einen Strudel von Ereignissen, die er nicht aufhalten kann. Am Ende bleiben die Schuldgefühle, die Anne verarbeiten muss und die Einsicht. Das Buch zeigt auch, dass man sich darüber freuen kann, womöglich strenge oder überfürsorgliche Eltern zu haben, bei denen man sich nie überflüssig oder alleine fühlen muss.

Fazit:
Ein sehr bewegendes Kinder-& Jugendbuch, dass sich um Schein und Sein dreht, Depressionen, Schuldgefühle, den Drang zu helfen, auch wenn es nicht geht und die Angst. Meiner Meinung nach wird hier ein sehr wichtiges Thema angesprochen, denn das Buch ist aus der Sicht der "Freundin" geschrieben, die helfen will und die merken muss, dass sie in ihrem eigenen Leben die Hauptrolle spielen sollte, dass sie zwar helfen kann, sich jedoch nicht völlig hingeben muss.

Wer diese Bücher mochte, sollte sich auch Flüsterherz nicht entgehen lassen:


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