[Rezension] "Shades of Grey: Gefährliche Liebe" von E.L. James

12:52:00 PM






















 
Er ist zurück.

Nach der Trennung von Christian Grey sind die Tage für Anastasia Steele kaum auszuhalten. Überwältigt von ihrer Trauer willigt sie ein, sich noch einmal mit Christian zu treffen, was in einer erneuten Affäre endet, die mit jedem Tag tiefer, aber auch gefährlicher wird. Mit jedem Treffen erforscht Ana ihre Grenzen und lernt Christian und seine Vergangenheit immer besser kennen bis diese sie einholt und eine große Gefahr für beide wird. Außerdem müssen beide lernen mit den Bedürfnissen des anderen umzugehen und bald muss Ana die wichtigste Entscheidung ihres Lebens treffen. Eine Entscheidung, die sie ebenso sehr verunsichert, wie fasziniert...

E.L. James scheint ihre Leser wie eh und je als sehr unaufmerksam zu erachten oder sie glaubt, wir sind hochgradig verblödet. Wie auch schon im Vorgänger häufen sich die Wiederholungen und Schwächen zu einem unüberwindbaren Berg, den man kaum übersehen kann. So ist man schnell ernüchtert und geradezu genervt von den sich ständig gleichenden Sätzen, was ich auch nach einiger Zeit einfach nicht ignorieren konnte. Wenig Beschreibungen, viel Handlung - das scheint E.L. James' Motto zu sein und obwohl ihr Schreibstil sicherlich keine Glanzleistung ist, liest sich das Buch flüssig und schnell. Hier geht es einfach nur um den Plot und nicht darum, diesen so schön wie möglich zu verpacken.

Werft mal alles über Bord, was ihr über diese Buchreihe gehört habt: die Gewalt, den harten Sex, den Schock. Verbindet stattdessen alles, was ihr euch nicht vorstellen könnte mit der Reihe: Liebe, sanfte Gefühle, Zuneigung. Und schon habt ihr eines der größten Missverständnisse unseres Jahrhunderts aufgelöst! Shades of Grey ist nicht einmal ein Soft Porno. Shades of Grey ist eine Liebesgeschichte. Mit Sex, ja. Aber doch eine Liebesgeschichte, die klischeebesetzter und kitschiger nicht sein könnte. Sätze wie "Dieses Buch ist schärfer als Porno" sollte man daher getrost ignorieren und seine Erwartungen, sollte man denn welche haben, eher auf eine Extraportion Kitsch legen, denn der zweite Teil der Reihe zeigt uns, dass traumatisierte Männer innerhalb von zwei Wochen geheilt werden können, das bis zum 21. Lebesjahr  jungfräuliche Frauen mit Komplexen die beste Wahl sind und das jeder, und ich meine wirklich jeder (!) hinter Christian Grey und seiner Anastasia her sind. Warum? Weil Frau James es kann.

Das ein Autor seine Geschichte vollkommen in der Hand hat, hat E.L. James hier auf jeden Fall viel zu ernst genommen, denn 90% des Buches wirken absolut konstruiert und weit hergeholt. Mal abgesehen davon, dass die  ach so verzweifelte Anastasia nach der Trennung von ihrem millionenschweren Traumprinzen gefühlte drei Seiten leidet - was ja schon eine ganze Menge ist für eine Frau, die niemals Liebeskummer hatte -, findet man in dem Buch eine Reihe krimineller Machenschaften, die auch für einen Mr Grey etwas too much sein dürften. Die durchgeknallte Exfreundin habe ich ja noch irgendwie verstehen können, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass Frau James einfach etwas Spannung in die Geschichte bringen wollte, aber als dann auch noch Anas Chef am Rad dreht und Mrs Robinson eine immer größere Rolle spielt, wollte ich das Buch eigentlich nur noch gegen die Wand werfen.

Was man über die Entwicklung der Charaktere sagen kann? Nun ja, obwohl Ana mit jeder Seite notgeiler wird, ist sie weltfremd und naiv wie eh und je, stellt mehr dumme Fragen (SPOILER à la "Darf man überhaupt solche Lust für den Mann empfinden, mit dem man verheiratet ist?" Ehm. Wäre doof, wenn nicht, oder? SPOILER ENDE) und heult sich seitenlang darüber aus, dass sie Christians Bedürfnisse nicht befriedigen kann, obwohl dieser offensichtlich sein ganzes Leben für sie umstellt. Christian hingegen wird zum Lamm im Wolfspelz und dreht sich dabei in unglaubwürdiger, aber eleganter Grey-Manier mehrmals um 180°. Mein Interesse an seiner Person schrumpfte mit jeder Seite merklich - ob das nun an den weichen Stellen liegt, die er ziemlich schnell ausbildet oder an seiner fehlenden Dominanz weiß ich nicht genau. Witzige Wortgefechte konnten sich die zwei - Gott sei Dank - nichtsdestotrotz liefern, was meine Leselust zeitweise wieder aufkeimen ließ. Allerdings muss ich zugeben, dass ich einige seitenlange Gedankengänge von Ana lediglich überflogen habe, weil einfach nichts geschehen ist und sie immer über denselben Kram nachdenkt.

Im Bett lässt Grey seinen Wolfspelz fallen und ergibt sich seinem lamm-igen Schicksal, Berührungen sind nun halbwegs erlaubt, aber das ändert leider nichts daran, dass sextechnisch nicht viel Neues geschieht. Ganz im Gegenteil: So gut wie alle Sexszenen sind austauschbar und lassen sich teilweise wortwörtlich miteinander vergleichen. Anas Orgasmen sind eigentlich immer "köstlich", während Greys "Pracht" sie voll und ganz "auszufüllen" weiß. In der Hinsicht fühlte ich mich schon ein wenig verarscht (Hihi, in dem Zusammenhang mit dem Buch, muss ich bei dem Wort irgendwie lachen!).

Nun stellen sich so einige Fragen: Muss man das lesen? Muss man es lieben oder hassen? Muss man sich dafür schämen, wenn man sich von der Reihe unterhalten fühlt, trotz all der zu kritisierenden Punkte? Ich würde sagen: Nein. Muss man nicht. Man sollte den Hype irgendwie ignorieren, denn obwohl einem hier keine Innovative, nicht viel Neues und eine Menge Kitsch geboten wird, hat mich auch der zweite Band größtenteils unterhalten können und ich kann im Grunde nicht einmal sagen, weswegen. Auf jeden Fall liegt es nicht daran, dass Shades of Grey eine schockierende Sexgeschichte sein soll, denn das ist sie nicht.

Meine Befürchtungen für den dritten Band, den ich trotzallem lesen werde? Eine weitere Verfolgungsjagd mit Anas Chef à la Victoria aus Twilight, ein Bündnis zwischen Chef und Mrs Robinson - natürlich gegen Ana und Grey, weitere (sexuelle) Enthüllungen, DIE Glamourhochzeit des Jahres, danach Flitterwochen auf der Insel von Greys Mutter, eine ungewollte (und hoffentlich weitesgehend unblutige und wenig beschriebenene) Schwangerschaft (hoffentlich kommt der kleine Fratz nicht mit silbergrauer Krawatte auf die Welt und wird Carlagrace genannt!) und last but not least ein Happy End im großen Familienhaus mit drei Kindern, Hund und einem geheimen Spielzimmer im Keller, in dem es sicherlich keine Playstation gibt...

Sextechnisch schien Frau James nicht mehr viel eingefallen zu sein, zumal sie sich die harten Geschütze (haha) für den dritten Teil aufsparen muss und so greift sie (etwas zu tief) in die Kitschkiste und zieht den Kontrollfreak Christian Grey, der in nur kürzester Zeit zum weinerlichen Waschlappen mutiert und die naive Anastasia Steele, die leicht notgeil wird und iher millionenschweren Freund an der kurzen Leine hält, heraus. Die Geschichte an sich wirkt mehr konstruiert denje und es geschieht etwas zu viel für eine Geschichte, die von vornerein eigentlich als DAS BDSM-Erotikhighlight des Jahres gesehen wurde. BDSM findet man im zweiten Teil nicht mehr, denn Grey schmeißt lieber seine Peitschen aus dem Fenster und widmet sich seiner unglaublichen und tiefgehenden Liebe zu Ana und umgekehrt. Tjaja, wenn doch alles so einfach wäre...



E.L. James ist Mutter von zwei Kindern. Bis zu ihrem Erfolg als Autorin war sie bei einem Londoner TV Sender angestellt. Die "Shades of Grey" Trilogie erschien ursprünglich in einem kleinen, australischen Verlag und wurde durch reine Mundpropaganda zu einem sensationellen und internationalem Erfolg. Die Übersetzungsrechte wurden in viele Länder verkauft und Universal Pictures und Focus Features sicherten sich die Filmrechte. Heute lebt die Autorin in London. [via Lovelybooks]

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