|Rezension| "Ausgelöscht" von Cody McFadyen

3:42:00 PM



»Ich werde das Leben sein«, sagte der Mann zu dem Jungen.

Die Autotür mit den verdunkelten Fensterscheiben öffnet sich und eine kahlköpfige Frau im schmuddeligen Nachthemd wird hinausgeworfen. Ein grausiges Szenario für eine Hochzeit im Hause des FBI, bei welchem auch Special Agent Smoky Barrett anwesend ist. Ein neuer Fall, eine neue Jagd auf einen Serienkiller, der blutiger und unmenschlicher nicht sein könnte und Smoky und ihr Team einmal mehr auf eine harte Probe stellt, denn der Täter entführt seit Längerem Frauen und hält sie jahrelang in absoluter Dunkelheit gefangen. Dabei agiert er so raffiniert und hintergründlich, dass es einige Opfer fordert, ihn zu fassen - mehr als das: Smoky wird vor eine harte Wahl gestellt und muss sich entscheiden zwischen Leben und Tod...

Cody McFadyens Schreibstil ist eine kleine Offenbarung für mich. Schon von dem ersten Teil der Reihe beeindruckte mich vorrangig der, für einen Thriller doch sehr ungewöhnliche, Stil, der mit jedem Buch mehr an Tiefe und Poesie gewinnt. Endlich ein Thriller, der so geschrieben ist, dass er tief unter die Haut geht und auch dort bleibt, sich hartnäckig festzubeißen versucht mit dieser seltenen Mischung aus Philosophie, Poesie und Leben. Hinter Smokys Gedankenwelt zu verschwinden und in ihre Welt aus Grausamkeit und Schrecken einzutauchen ist immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis - vor allen Dingen wegen dem guten Stil, der sich durch die präzisen, aber durchaus nicht langatmigen Beschreibungen auszeichnet und dabei nicht an Tiefe verliert. So kann McFadyen seine Figuren in einem Moment über das Leben philosophieren und im nächsten in feinster FBI-Fachsprache über Täter fachsimpeln lassen und das auf einer emotionalen Ebene. Hut ab!

Die Abgründe eines einzigen Menschen können derart tief und unüberwindbar sein. So unüberwindbar, dass man hineinsieht und in undurchdringliche Schwärze sieht. Kein Fokus, kein Anhaltspunkt, nur Leere und tiefes Schwarz. So düster wie dieser Abgrund ist nicht nur der Verstand des Serienkillers, sondern auch die Räume, in dem sich seine Opfer befinden. Jahrelang in Gefangenschaft, Folter, Qual und Angst und das alles nur, weil sie jemand aus der Welt haben wollte. Ausgelöscht in nur wenigen Momenten.

Sagen wir es, wie es ist: Cody McFadyen mag es blutig, menschenunwürdig und nervenaufreibend spannend. Mehr als das: Er schreibt frei nach dem Motto "Schlimmer geht's immer", toppt jede Grausamkeit bis zum Ende und hat ein Händchen für interessante Serientäterfälle. Vor allen Dingen aber hat er ein Hädchen für sympathische, stellenweise etwas zu perfekt geratene Charaktere und scheinbar viel Spaß an Smoky Barrett, die er mir so liebenswert gemacht hat. Ich muss sagen, dass mich die Reihe bisher nie vollständig überzeugt hat, obwohl ich jedes Buch dennoch gerne gelesen habe und ein absoluter Fan von McFadyens Schreibstil bin, aber so hunderprozentig Klick hat es erst mit Band 4 gemacht. Ob es nun an der Lust auf einen Thriller, an dem guten Stil oder eben an der guten Geschichte lag, kann ich nicht sagen, aber eins weiß ich definitiv: "Ausgelöscht" ist mein bisherige Favorit der Reihe um Smoky Barrett.

In meinen vorangegangenen Rezensionen zu den jeweiligen Büchern der Reihe habe ich mich oft über die Figuren ausgelassen. Ihre prägnant perfekte Art fiel mir immer wieder auf und stürzte mich mehr als einmal in einen inneren Konflikt, denn im Grunde liest man doch gerne von perfekten Figuren (vor allen Dingen, wenn sie im FBI tätig sind, da sollte so etwas ja sehr beruhigend sein!), andererseits fehlten mir in diesem Fall dann doch die Ecken und Kanten oft zu sehr. Nun, da ich quasi meinen vierten Fall mit Agentin Barrett durchlebt habe, kann ich dem nur noch bedingt zustimmen. Es wirkte beinahe so, als habe McFadyen sich meine Kritik zu Herzen genommen und die Figuren mit Schmirgelpapier abgerieben, denn spätestens nach diesem Band hat die Ecke in meinem Herzen, in denen Buchcharaktere einen Platz finden, viel neuen Zuwachs. Smoky und ihr ganzes Team erschienen mir plötzlich so liebenswert, interessant und dreidimensional, dass ich kleine Fehler und zu perfekte Charakterzüge einfach übersehen konnte. Das Gesamtbild hat einfach gestimmt.


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Gefunden! Ich würde mal sagen, du bist ein Meistersucher (oder der Hase hat wirklich keine Versteckkünste!). Was es auch sein mag, du hast "Raven Stone" gefunden und kannst, wenn du diesen Beitrag kommentierst, eventuell ein Exemplar des Buches gewinnen ♥

Auch der Fall, so undurchschaubar er auch wirken mag, hat mir sehr gefallen. Zwar kam mir der Verdacht, der sich später bestätigte schon relativ früh, doch das änderte nichts daran, dass die Ermittlungen und die Jagd auf den Täter von Anfang bis Ende durchgehend spannend waren. Allein die Beschreibungen der Befragungen und der unterschiedlichen Herangehensweisen an den Fall machte es für mich besonders interessant, Smoky in die hintersten Ecke des menschlichen Abgrundes zu folgen. Eine weitere Besonderheit an McFadyens Büchern ist, dass immer ein neues Themengebiet eine prägnante Rolle spielt, wobei in diesem Fall der Anti-Feminismus und der Hass von Männern auf Frauen mehr beleuchtet wird. McFadyen gelingt es dabei den Leser näher an diese Thematik heranzuführen und dies so gut in die Geschichte einzuweben, dass man immer wissen will, wie es weitergeht - ob das nun in der Recherchephase oder auf der direkten Jagd auf den Täter ist, spielt dabei keine Rolle.

Das allerdings größte und meiner Meinung nach auch wichtigste Element der Buchreihe ist die besonders emotionale und ergreifende Atmosphäre. McFadyen legt besonderen Wert darauf, seine Leser auch zu erreichen, was ihm nicht nur durch die sehr persönliche und faszinierende Gedankenwelt der Smoky Barrett, sondern auch durch die Beleuchtung von Tätern und Opfern gelingt. Er geht dabei nämlich auch besonders auf die Täter ein und wie sie vor langer Zeit selbst Opfer waren, sodass der Leser in die gefährliche, aber auch interessante Lage gerät, den Täter ein stückweit zu verstehen bzw. Mitleid zu empfinden. Eben diese emotionale Ebene macht die Reihe so lesenswert für mich und trifft auch immer wieder genau da, wo sie treffen soll. Noch Tage nach dem Lesen hatte ich dieses mulmige Gefühl im Bauch.

Cody McFadyen's Leidenschaft gilt dem schreiberischen "Auslöschen" von Lebewesen und genau das macht seine Bücher aus. Seinen Spaß am Schreiben merkt man ihm auf alle Fälle an und so lebt auch "Ausgelöscht" von einer spannenden Geschichte, interessanten Charakteren und blutrünstigen Taten. Gerade der vierte Teil der Smoky-Barrett-Reihe hebt sich meiner Meinung nach sehr von den anderen Bänden ab und hat mir die Bücher mal wieder mehr als schmackhaft gemacht. Große Emotionen, viel Menschlichkeit, aber andererseits auch Grausamkeiten, philosophische Gedankengänge und ein FBI-Team, welches einem schnell ans Herz wächst, begleitet den Leser auf einer einmaligen Reise durch die menschliche Seele und schafft es noch dazu das Buch auf eine besondere Art spannend zu machen. Eine absolute Leseempfehlung für Thrillerfans und solche, die es noch werden möchten, denn Cody McFadyen hat selbst mir dieses Genre nahegebracht.


Cody Mcfadyen, geboren 1968, unternahm als junger Mann mehrere Weltreisen und arbeitete danach in den unterschiedlichsten Branchen. Der Autor ist verheiratet, Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Kalifornien. "Die Blutlinie" war sein erster Roman und sorgte weltweit für Aufsehen. In Deutschland war der Thriller wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Mit "Der Todeskünstler" hat er die außergewöhnliche Thriller-Reihe um Smoky Barrett fortgesetzt. "Das Böse in uns" ist sein dritter Roman mit der Protagonistin. [Quelle: Bastei Lübbe] 

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