|Rezension| "Das also ist mein Leben" von Stephen Chbosky

7:14:00 PM


























Lieber Freund, ich schreibe Dir, weil sie meinte, dass Du zuhörst und verstehst und nicht versucht hast, auf dieser Party mit einer bestimmten Person zu schlafen, obwohl Du das gekonnt hättest.

Charlie ist fünfzehn Jahre alt und sein erstes Jahr an der Highschool beginnt. Es ist ein Jahr voller Magie, Geheimnisse und Wunder. Ein Jahr, in dem Charlie seine besten Freunde kennenlernt und seine schönsten und schlimmsten Momente mit dem Leser teilt, in dem er Briefe schreibt. Doch es ist nicht nur ein Jahr der Freuden und Ängste, es ist das Jahr, in dem Charlie das Leben in jeder einzelnen Facette erkennt und spürt, was es bedeutet, Teil dieses Lebens zu sein. Gemeinsam mit Sam und Patrick stellt er sich diesem Leben und lernt die Liebe, Drogen, Sex und so manches Buch kennen.

Manche Schriftsteller brauchen sich nicht an Poesie oder verschnörkelten Sätzen aufzuhalten, weil die Zusammenstellung ihrer Worte und der Sinn, der dahinter steht, schon die pure Poesie ist. Stephen Chboskys Schreibstil ist einfach gehalten, ganz unverblümt und direkt erzählt er eine Geschichte, die vom Leben selbst geschrieben sein könnte und schafft es dabei mit seinen Worten dieses ganz besondere Etwas einzufangen, ohne dabei kitschig oder blumig zu werden. Er besitzt diese besondere Gabe, jugendlich und gleichzeitig tiefgründig zu schreiben und dabei weder platt, noch zu gehoben zu wirken. Es sind Worte, die das Leben selbst schreibt und die eine Geschichte erzählen, die das Leben in jeder einzelnen Facette wiederzurspiegeln weiß. Schön und grausam zu gleich.

Bücher, bei denen man am Ende weint, gehören meistens auch zu den Büchern, an die man noch lange zurückdenken wird, klarer Fall. Doch was geschieht, wenn man bei einem Buch schon auf der zweiten Seite zu weinen anfängt? Und das noch nicht einmal, weil es traurig ist, sondern viel mehr, weil es einen so berührt? Es gibt diese Bücher, die es schaffen, das Leben einzufangen, in ein Glas
einzuschließen und es dem Leser vor die Nase zu halten, damit dieser es betrachten kann und genau das tut Charlie mit seinem Leben. Er kratzt all die Dinge zusammen, die ihn berühren, die Schönen und die Schrecklichen und präsentiert sie dem Leser auf dem Silbertablett - ohne Reue, ohne Angst, einfach nur, um zu zeigen, wie unglaublich schön das Leben sein kann. Und wie traurig diese Tatsache machen kann.

Ja, es ist widersprüchlich und ja, es ist melancholisch, aber vielmehr als das, ist es wertvoll. Es scheint unglaublich, dass ein fünfzehnjähriger Junge das Leben so klar vor sich sieht, wie ich es mit meinen zwanzig Jahren manchmal nicht zu beschreiben weiß, aber man kauft es ihm ab. Sicherlich wird das nicht jeder verstehen und das muss auch nicht sein, aber viele Menschen, die viel über das Leben nachdenken und eine Zeit in ihrem Leben hatten, in denen man in diese schöne Melancholie verfällt, werden wissen, wie Charlie sich fühlt und denkt. Natürlich steckt noch mehr hinter ihm, aber all das ist im Grunde unwichtig. Für Charlie steckt das Leben nämlich voller Wunder und Magie und jeder Mensch ist für ihn etwas besonderes. Er ist eine Romanfigur, die einzigartig ist und den Leser zu berühren weiß. Obwohl er sehr weinerlich und nachdenklich ist, ist er eine starke Persönlichkeit mit einer sehr hohen sozialen Intelligenz.


Figurentechnisch ist dieses Buch eine absolut bunte Mischung. Jeder wird hier fündig, jede Figur charakterisiert auf eine bestimmte Weise eine bestimmte Art Mensch und ein bisschen wird auch mit
Klischees gespielt, auch wenn dies nur nebenbei auffällt. Figurenkonstellationen und figurenbedingte Situationen werden intelligent in das Geschehen eingebaut und beschreiben ganz unterschiedliche Lebenseinstellungen und Wege. So hat jede Charaktere in diesem Buch ein ganz eigenständiges Leben und beinahe jede Figur konnte mich innerlich berühren. Ich weiß nicht, wie Chbosky es schafft, dass die Alltäglichkeit des Lebens, um die es letztlich geht, sich so in mein Herz geschraubt hat, aber genau das geschah mit jeder Figur, mit jedem Wort und mit jeder Situation.

Nie ist es mir so schwer gefallen, einen Inhalt zu beschreiben. Schließlich verfolgt "Das also ist mein Leben" keinen roten Faden. Charlie erzählt vielmehr alles, was ihm passiert, schweift dabei oft ab, holt weit aus oder plappert einfach über irgendwelche Begebenheiten. Mit leisen Tönen schreit er dem Leser entgegen und beschreibt die Schönheit eines jeden Lebens auf eine indirekt unaufdringliche Art und Weise. Trotz alldem, was er und man selbst im Laufe der Geschichte alles so erfährt. Es ist beinahe erschreckend, mit vielen Problemen und Konflikten sich Charlie (und eben man selbst) auseinandersetzen muss und dabei trotzdem so unschuldig und lebenshungrig bleibt. So werden Themen wie Vergewaltigung, (häusliche) Gewalt, Drogen und Homophobie angesprochen und manchmal leider etwas zu schnell wieder fallen gelassen. Das Ende kam dann auch leider schneller als erwartet und wie sich alles auflöst, hat mich sehr erschrocken zurückgelassen. Sicher - Vorahnungen hatte man, aber damit hätte wohl niemand gerechnet.

Charlies Geschichte könnte aus dem Leben selbst gegriffen sein. Irgendein jugendlicher Fünfzehnjähriger könnte genau dasselbe fühlen und genau das macht diese impulsive, lebensnahe Geschichte so glaubwürdig und bewegend. Obwohl einige tiefgehende Themen und Konflikte eine Rolle spielen und die Geschichte keinem roten Faden folgt, hat mich ihre Schönheit oft zu Tränen gerührt. Ein Buch für alle, die das Leben zu schätzen wissen und von der ganzen Schönheit auch mal ganz schön überrumpelt sein können und für eine kurze Zeit mal gerne ein wenig melancholisch werden. Mit leisen und gleichzeitig doch so lauten Tönen ist "Das also ist mein Leben" wie eine alte Rockballade, in der man ganz eintauchen kann und die einen genau dort berührt, wo sie es möchte.


Stephen Chbosky kommt am 25.01.1970 in Upper St. Clair im US-Bundesstaat Pennsylvania zur Welt. Aufgewachsen in Pittsburgh studiert er im Anschluss an seinen Highschool-Abschluss Filmwissenschaft an der University of Southern California. Mit seinem ersten Film "The Four Corners of Nowhere" schafft Stephen Chbosky es auf Anhiebwurde 1995 auf das Sundance Film Festival. Sein Drehbuch zu "Everything Divided" wird mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der Drehbuchautor, Schriftsteller und Film-Direktor lebt in New York. Chbosky lebt in New York. Mit "Das also ist mein Leben" erscheint 2011 sein erster Roman. [via Lovelybooks]

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