|Rezension| "Kirschroter Sommer" von Carina Bartsch

10:41:00 PM


























Es war jedes Mal dasselbe: Entweder die Zeit war von vornherein mein Feind, oder einer meiner Mitmenschen machte mir bei dem kläglichen Versuch, wenigstens einmal im Leben pünktlich zu sein, einen Strich durch die Rechnung.

Als ihre beste Freundin Alex aus München zurück nach Berlin zieht, hat Emely allen Grund sich zu freuen. Schließlich kann sie endlich wieder mehr Zeit mit ihrem flippigen, kleinen Giftzwerg verbringen. Doch Alex bringt nicht nur eine langjährige Freundschaft zurück nach Berlin und zu Emely, sondern auch ihren Bruder Elyas, in dessen Wohnung sie zieht. Und Elyas ist nun wirklich niemand, den Emely unbedingt wieder sehen will - teilt sie doch eine rosarote Vergangenheit mit ihm, an die sie sich nicht gerne erinnert. Doch natürlich ist der erste, dem sie bei einem Besuch bei ihrer besten Freundin permanent über den Weg läuft, Elyas; und der hat sich ziemlich verändert. Nicht genug, dass er wahnsinnig gut aussieht, er ist auch noch übermäßig arrogant und hängt an Emely wie eine Klette. Da hilft nur eins: Abstand halten. Denn der ersten großen Liebe in ihrem Leben kann Emely nicht verzeihen. Da stürzt sie sich schon viel lieber in eine Internetbekanntschaft mit Luca, der ihr romantische E-Mails schickt. Wenn Elyas ihr nur aus dem Kopf gehen würde...

Carina Bartsch' Schreibstil ist einfach gehalten und lässt sich flüssig lesen. Frei Schnauze schreibt sie aus der Sicht von Emely all ihre Gedanken aufs Blatt, sodass es direkt und ehrlich wirkt. Vielmehr kann man über ihren Schreibstil eigentlich auch nicht sagen, außer, dass er sehr sarkastisch (manchmal beinahe schon zynisch ist, was aber eher mit der Hauptfigur zusammenhängt) und stellenweise humorvoll ist. Er lässt sich als jugendlich und frisch beschreiben, hat aber auch viele kleine Schönheitsfehler, da er selten wirklich in die Tiefe geht und auch sonst wenig poetisch oder verschnörkelt ist. So fehlt ihm für mich das gewisse Etwas - dennoch: solide und witzig geschrieben.

Wer kennt sie nicht - die typische Hassliebe in Jugendbüchern? Da geht es hin und her und eigentlich weiß man bei solchen Büchern schon von Anfang an, wie sie sich entwickeln und wie sie ausgehen werden und trotzdem kann man meistens nicht die Finger davon lassen. Meistens lesen sich Geschichten dieser Art auch wirklich richtig gut, aber manchmal bekommen die Figuren die Kurve nicht und verlieren sich auf der langen Strecke zwischen Kennenlernen und Beziehung. Emely und Elyas standen da anscheinend in einem kilometerlangem Stau, denn es passiert überraschend wenig für ein so langes Buch - weder beziehungstechnisch noch in jeder anderen Hinsicht. Ein bisschen streiten hier, ein wenig flirten da, ein paar Partybesuche, ein paar Rückblicke und einige E-Mails und schon ist das Buch zu Ende und ich habe mich gefragt, was auf den fünfhundert Seiten eigentlich so passiert ist.

Zugegeben: Ich wollte dieses Buch mögen. Ich wollte es ebenso toll finden, wie die meisten Anderen und ich hatte hohe Erwartungen, denn seien wir doch mal ehrlich: In der Flut der ganzen Jugendbücher ist Hassliebe längst keine Seltenheit mehr, und als alteingesessene Hassliebenexpertin verlangt man irgendwann mehr als nur ein bisschen "Argumente-Ping-Pong" und ein hochgezogener Mundwinkel des männlichen Parts. "Kirschroter Sommer" konnte meinem Erwartungsgerüst da leider in keinster Form standhalten und fiel schon bald in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Angefangen bei meiner Antipathie gegenüber Emely bis hin zu der Nervensäge Elyas über sinnlose Ploteinschübe, die die Story in keinster Weise weiterbringen war dieses Buch für mich leider ein absoluter Reinfall - mal ganz davon abgesehen, dass es nicht einmal ein Ende hat (und ja, ich weiß, dass die Autorin sich das ganze Buch nicht leisten konnte, aber zumindest ein kleines Ende hätte das Buch verdient gehabt, wenn man es schon aufsplitten muss!).

Protagonistin Emely war überraschend unsympathisch dafür, dass sie so selbstbewusst auftritt, was ich sonst ja mehr als begrüße. In dem Fall war es mir allerdings viel zu viel. Mit ihrer ständigen Zickerei wirkte sie wie eine vorpubertäre Vierzehnjährige, die an allem etwas auszusetzen hat und sich und ihre Eigenschaften dabei ziemlich zu verherrlichen schien. Das kann natürlich an der Perspektive liegen, aber auf mich wirkte sie entgegen ihrer Behauptungen ziemlich eingebildet. Ständig erwähnt sie, wie wenig Interesse sie an Mädchenkram hat, verhält sich wie eine graue Maus und benutzt dann Begriffe wie "blickfickte", was ihr komplettes Bild unglaubwürdig und schwammig machte. Unentwegt lästert sie gedanklich über ihre Mitmenschen (vor allen Dingen ihre beste Freundin kommt mehr als schlecht weg, obwohl ich sie viel sympathischer fand als Emely) und scheint außer Lesen (was ja keineswegs etwas schlimmes ist!), Lernen und ihren Mustang (der nicht einmal ihrer ist) keine anderweitigen Interessen zu haben, außer ihren oft ziemlich zynischen und verletzenden Humor.

Auch ihre Beziehung zu Elyas war keineswegs knisternd oder prickelnd für mich - ganz im Gegenteil. Während dieser nämlich ununterbrochen dumm vor sich hingrinst, ein sauteures Auto besitzt, was sich ein normaler Student sicherlich niemals leisten könnte und Emely in jeder Lebenslage verfolgt, ist diese nur am rummeckern. Die Schlagabtausche, die sich die beiden über fünfhundert Seiten lang liefern, waren teils amüsant, teils nervig, wobei letzteres definitiv überwiegt. Anfangs war das Ganze ja noch lustig, aber als Emely nach vierhundert Seiten immer noch nicht begreift, dass Elyas nicht das Arschloch ist, für das sie ihn hält, wurde ich schon leicht aggressiv. Das Einzige, was Emely netter und koversationstüchtig zu machen schien, war ein Joint, denn in diesem kurzen Abschnitt hat sie das erste und letzte Mal ein normales Gespräch mit Elyas führen können und für sage und schreibe zehn Seiten war sie mir wenigstens halbwegs sympathisch.

Auch der Plot bietet wenig Originelles oder Innovation. Eigentlich wird Emely nur pausenlos dazu gezwungen auszugehen, obwohl sie eigentlich lieber Lernen würde, und zufälligerweise ist Elyas immer anwesend, was sie natürlich absolut schrecklich findet. Sinnlose Einschübe, *SPOILER* wie beispielsweise der Autounfall der Eltern *SPOILER* und wenig Beschreibungen sorgen dafür, dass die Geschichte unnötig lang gezogen wird und gleichzeitig sehr platt und einseitig wirkt. Ziemlich sinnlos empfand ich auch den E-Mail-Verkehr zwischen Luca, dem Internetfreund von Emely, und Emely, wobei es wirklich sehr vorhersehbar ist, wer hinter Luca steckt. Die einzigen Lichtblicke waren der Zeltausflug, auf dem endlich mal ein bisschen was los war und die Beziehung zwischen Alex und Sebastian, die ich zusammen wirklich niedlich und überhaupt nicht nervig fand. Ansonsten: Ein ziemlich nerviges Männerbild von Seiten Emelys (mit vielen unangebrachten Begriffen), viel Gezicke um Nichts und ein nicht enden wollendes Ping Pong der Argumente zwischen Emely und Elyas.

Für einen kirschroten Sommer kam das typische Sommergefühl bei mir leider kaum durch, ganz im Gegenteil: Viel mehr wurde die Geschichte um Emely und Elyas zu einem verzickten Sommer, in dem die beiden das mit dem "schlagfertig sein" ein bisschen übertrieben haben. Meinen Humor und Geschmack konnte die Geschichte leider nicht immer treffen, zumal die Protagonisten sehr unreif und kindisch auf mich wirkten. Mit überraschend wenig Plot und noch weniger Tiefe hat mich dieses Buch leider seitenlang nur genervt. Wer aber auf Grinsefressen und Zickenallüren steht, könnte diesem Buch etwas abgewinnen, für mich war es leider Einheitsbrei ohne Überraschungen oder Innovationen, der eventuell jüngeren Lesern gefallen könnte (auch wenn die Protagonisten über zwanzig sind - das merkt man ihnen in keinster Weise an!) oder solchen, die auf der Suche nach einer Hass-Liebe-Geschichte sind und ein wenig mehr Geduld haben. Aber: Immerhin ist das Auto gedanklich nett anzusehen...


Carina Bartsch wurde 1985 im fränkischen Erlangen geboren und lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe ihrer Geburtsstadt. Sie brach die Realschule, dann die Wirtschaftsschule und eine Lehre ab. Erst nach diversen Kleinjobs fand sie mit Anfang zwanzig ihre wahre Bestimmung: das Schreiben. Mit ersten Kurzgeschichten gewann sie mehrere Schreibwettbewerbe. Dann wagte sie sich 2011 an ihr Romandebüt, «Kirschroter Sommer», mit dem sie zur erfolgreichsten deutschen Liebesromanautorin im Netz wurde. Auch der Nachfolgeband «Türkisgrüner Winter» avancierte zum E-Book-Bestseller. [via Rowohlt]
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