|Rezension| "Aufbruch: Partials 1" von Dan Wells

12:03:00 AM



Das neugeborene Mädchen 485GA18M starb am 30. Juni 2076 um 6.07 Uhr.

Nachdem Krieg mit den künstlich erschaffenen Partials steht die Menschheit kurz vor der Ausrottung. Nur wenige tausend Menschen haben überlebt und durch das RM-Virus, mit dem die Partials die Menschheit infiziert hat, können sie sich nicht mehr fortpflanzen. Während also die Neugeborenen reihenweise sterben, sucht die sechzehnjährige Kira Walker fieberhaft nach einem Heilmittel, welches endlich für ein gesundes und immunes Kind sorgen soll. Doch um dieses zu finden, muss sie verstehen, wie die Partials funktionieren - schließlich sind sie immun gegen das Virus. Allerdings hat seit dem Kriegsende vor elf Jahren niemand mehr einen solchen zu Gesicht bekommen und auch die Regierung stellt sich quer. Gemeinsam mit Freunden und Verbündeten macht Kira sich schließlich auf, um die letzten verbliebenen Menschen zu retten und somit das Fortbestehen der Menschheit zu gewährleisten, doch mit dem übermächtigen Feind steht es ganz anders, als sie es je für möglich gehalten hätte...

Dan Wells Schreibstil ist sehr simpel und klar. Jedes Wort hat seinen Platz, keins ist zu viel, keins zu wenig. Das sorgt für einen flüssigen Lesefluss und ein gutes Verständnis, der manchmal etwas verschachtelten und teils sehr biologischen Materie. Beschreibungen und Erklärungen sind stets plausibel und gelingen, selbst die Emotionalität vermag der einfache Schreibstil zu vermitteln ohne dabei kitschig oder schmalzig zu werden. Wells hat genau die Art von Stil, die eine Dystopie braucht, um so episch und "steril" zu wirken, wie die unverhoffte Zukunft in den meisten Romanen eben wirkt und obwohl mir oft einige Besonderheiten fehlten, liest sich das Buch durchweg gut und atmosphärisch dicht weg.

Den Satz "Dystopien gibt es wie Sand am Meer" gibt es inzwischen schon wie Sand am Meer und trotzdem ist er gerechtfertigt. Der Gedanke an die Zukunft fasziniert uns und spiegelt womöglich gleichzeitig auch unsere Angst vor einer
solch dystopischen Welt wieder, die in manchen Fällen nicht ganz so weit entfernt zu sein scheint. Vielleicht ist es die Aktualität einer solchen Thematik, vielleicht aber auch einfach die Tatsache, das man so viel aus einer entfernten Zukunft machen kann, jedenfalls kommt man an der Masse von Dystopien kaum noch vorbei. Was dabei jedoch schwer zu finden ist, ist - wie so oft - die Innovation. Etwas neues, etwas, was noch nicht in den Bestsellern aufgegriffen wurde und etwas, das schockt, will man doch immer mehr, immer schlechteres lesen. Dan Wells hat die Taktik "Schlimmer geht's immer" in dem Auftakt seiner Partials-Reihe perfekt umgesetzt, denn gemeinsam mit Kira kann man sich darauf gefasst machen, kaum zu Atem zu kommen trotz eines etwas ruhigeren Untertons.

Wie das geht? In dem Wells nicht nur auf eine Ladung Action setzt, obwohl die natürlich nicht fehlt, sondern sich vor allen Dingen auf einer politischen, wissenschaftlichen und medizinischen Ebene bewegt, die sich im ersten Moment trocken anhört, aber entgegen meiner Erwartungen absolut zu fesseln weiß. Allein das Szenario unterscheidet sich schon einmal von den vielen anderen Dystopien, schließlich geht man mit einer völlig anderen Erwartungshaltung an die Tatsache, dass die Menschheit kurz vor dem "aus" steht. Man rechnet eher nicht damit, dass die Bedrohung einer solch kleinen Gesellschaft auch von Innen kommen kann und das nutzt Wells von Anfang an aus und erschafft eine Welt, in der Geheimnis auf Rätsel und Rätsel auf Fragen stößt und ein Netz aus Intrigen, Unwissenheit und Angst spannt, dass sich oft erst viel zu spät entwirren lässt. Man könnte meinen, dass dies ganz schön verwirrend sein kann und das ist definitiv wahr, allerdings schafft es Wells den Leser dennoch immer indirekt oder direkt mit dem Wissen zu versorgen, was er gerade braucht.

Was dabei ein wenig in Vergessenheit gerät, sind emotionale Bindungen und vielschichtige Figuren. Sicherlich hat jede Figur ihre eigenen Persönlichkeiten und Charaktereigenschaften, aber mir fehlte ein wenig die Verwischung der Grenzen. Kira ist glücklicherweise eine toughe und sympathische Hauptfigur, aber neben ihren löblichen Bemühungen die Welt zu retten, wirkt sie manchmal etwas zu stark. Ihr fehlen Momente, in denen sie völlig zusammenbricht und alles anzweifelt, stattdessen fällt ihr immer sehr schnell eine Lösung ein, was die Handlung vorantreibt, die Figuren aber nach einer Zeit etwas blass aussehen lässt. Auch die Beziehung zu Marcus wirkt stellenweise etwas aufgesetzt und ich könnte mir hier durchaus einen anderen Verlauf der Geschichte vorstellen (und erhoffen), aber da wird sicherlich im zweiten Teil der Reihe noch einiges geschehen. Wer mir aber besonders gut gefiel, war Samm, der durch seine undurchschaubare und doch so interessante Art hervorsticht und die größte Neugierde des Lesers auf sich zieht. Man möchte unbedingt wissen, auf welcher Seite er wirklich steht und was sein Anliegen generell ist. Auch hier scheint noch nicht alles geklärt zu sein.

Sehr prägnant und positiv ist die Liebe zum Detail, die Wells dem Leser auf dem Silbertablett serviert. Seine ganze Welt hat Dreh- und Angelpunkte, nichts scheint willkürlich und alles wird irgendwie begründet und erklärt, was nicht nur zum besseren Verständnis, sondern auch sehr zur detaillierten Vorstellung seiner dystopischen Welt beiträgt. Die verfallenen Städte werden lebendig, die Explosionen scheinen hörbar zu sein und auch sonst bewegt sich vieles am Rande des Möglichen, sodass vieles schneller nachvollziehbar ist und nicht weit hergeholt klingt. Zeit scheint für viele Autoren
Geld zu sein und so werden aus einem Buch gerne mal drei. In diesem Fall merkt man aber, dass der Autor sich Zeit lässt, um seine Geschichte wirken zu lassen. Es passiert viel, zugegeben, aber er gibt dem Leser Zeit sich an die Welt zu gewöhnen und dehnt die Geschichte glaubwürdig aus. Auch der politische Aspekt, die vielen Gespräche und die Intrigen und Geheimnisse, die erst sehr spät ans Licht kommen, sind immer wieder interessant und wissen zu überraschen. So einige Wendungen hatte ich nicht erwartet und genau das hat "Aufbruch: Partials 1" zu einem derartigen Pageturner gemacht. Die Mischung aus geladener Action und ruhiger, nachdenklicher Atmosphäre funktioniert hier einfach perfekt und hält sich die Waage - bleibt das eine gerade aus, findet man das andere auf jeden Fall vor und jede Seite hat seine eigenen Reize.

Solltet ihr "Partials 1" noch nicht gelesen haben und noch nicht im Meer der Dystopien ertrunken sein, empfehle ich euch dringend in die nächstbeste Buchhandlung aufzubrechen, denn dieser Auftakt der Partials-Reihe bietet nicht nur dystopisches Abenteuer vom Feinsten, sondern gleichzeitig auch eine ruhige und nachdenkliche Atmosphäre. Gut recherchiert und durchgehend glaubwürdig erzählt Wells die unverhoffte, aber sicherlich mögliche Zukunftsvision der Menschheit im Jahre 2080 und setzt dabei vor allen Dingen auf wissenschaftliche und technische Arbeit, die immer gut erklärt wird. Durch die Liebe zum Detail kann man sich Wells spannende Welt ausgeschmückt vorstellen und auch wenn es an den Figuren manchmal ein wenig hapert, konnte ich dieses Buch kaum aus der Hand legen. Unbedingt lesen!


Dan Wells studierte an der Brigham Young University in Provo, Utha Englisch. Er arbeitete einige Zeit als Redakteur für ein Science-Fiction-Magazin "The Leading Edge". Bekannt wurde er durch seine mörderische Thrillertriologie mit dem jungen John Cleaver welche mit "Ich bin kein Serienkiller" begann. Im Frühjahr 2012 folgte sein Roman "Sarg niemals nie".Im März 2013 erscheint sein aktueller Roman "Partials - Aufbruch", der gleichzeitig den Auftakt zu einer neuen Reihe bildet. Dan Wells ist Anfang dreißig, überzeugter Mormone und lebt in Orem im US-Bundesstaat Utah. [via Lovelybooks]

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Für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanke ich mich sehr herzlich bei

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