|Rezension| "Phantasmen" von Kai Meyer

2:44:00 PM




http://www.carlsen.de/ http://www.amazon.de/Phantasmen-Kai-Meyer/dp/3551582920/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1395666984&sr=8-1&keywords=phantasmen

 Weißt du, wie es ist, jemanden so sehr zu lieben, dass er in jedem Bild auftaucht, das du dir von deiner Zukunft ausmalst?

 
Jeder weiß noch genau, was er am 17. Mai gemacht hat, denn dieser Tag wird auch als Tag Null bezeichnet. am 17. Mai kamen die ersten Geister - plötzlich waren sie einfach da, standen stumm, leuchtend und ausdruckslos ohne irgendjemandem etwas zu tun. Als Rain sich mit ihrer kleinen Schwester Emma in die einzige Wüste Europas aufmach, in der vor drei Jahren ihre Eltern in einem Flugzeug verunglückt sind, um dort auf deren Geister zu warten, wendet sich das Blatt. Denn plötzlich beginnen die Geister zu lächeln - und es ist ein grausames, ja, ein tödliches Lächeln.

Es gibt wenig Bücher, die einen schon mit dem ersten Satz haben, aber bei "Phantasmen" war das definitiv der Fall. Schon nach der ersten Seite und ohne viel über den Inhalt zu wissen, wusste ich, dass ich dieses Buch lesen und sehr wahrscheinlich auch lieben würde/muss - und was soll ich sagen, es hat sich bewahrheitet. Kai Meyer hat einen grandiosen und sehr interessanten Schreibstil, der nicht zu blumig, aber auch nicht platt ist, sondern einfach genau die Mitte trifft - irgendwo zwischen Unterhaltung und Tiefgründigkeit. "Phantasmen" ist so bildhaft und, ja, einfach phantastisch geschrieben, dass ich oft das Gefühl hatte, eher einen Film zu sehen, als ein Buch zu lesen. Irgendwann macht es einfach "Plopp" und man ist in der Geschichte, weiß nicht mehr genau, wie man wieder herausfinden soll und will es auch eigentlich gar nicht.

Wenn Bücher einen aus einer mittelschweren Leseflaute reißen können, kann das nur eines bedeuten: Sie sind gut. Und wenn noch dazu zwei Genres so gekonnt miteinander vermischt werden, dass man am Ende das Gefühl hat, aus einem gut gefüllten Kinosaal ins Tageslicht zu treten und sich wundert, wie die Zeit vergeht, kann das nur bedeuten, dass man das Buch nicht eine Sekunde aus der Hand legen konnte. "Phantasmen" von Kai Meyer ist so ein Fall. Eine geballte Ladung Actionfeuerwerk inklusive Gruselmomente und ein geschickt eingebauter Fall von doppelten Ebenen spricht definitiv für dieses Endzeitwerk und entführt den Leser in eine apokalyptische Welt voller Grauen, Schrecken und zugegebenermaßen in eine kleine Hollywood-Blockbuster-Ecke - man muss es einfach sagen, wie es ist: "Phantasmen" ist auf den ersten Blick sicherlich nicht das tiefgründigste Buch, gerade, wenn man es auf dieser Actionschiene betrachtet. Schaut man allerdings hinter die Kulissen, lässt sich einiges mehr entdecken, als man es für möglich gehalten hätte.

Allein atmosphärisch kann die Geschichte sich schon sehen lassen - diese nervenaufreibende Mischung aus gruseligen und erschreckenden Momenten gepaart mit Verfolgungsjagden und Wüstenkulisse. Ein Freund von Action ohne wirkliche Pause ist hier definitiv gut bedient, denn "Phantasmen" lässt den Leser kaum aufatmen - immer wieder geschieht etwas neues, wenn man sich gerade in Sicherheit gewähnt hat und immer wieder toppt Meyer schreckliche Ereignisse, frei nach dem Motto: Schlimmer geht's immer. Schwache Nerven sind hier unerwünscht und wer nichts von Leichenbergen und unzähligen Toten lesen will, sollte hiervon die Finger lassen. "Phantasmen" ist eben Endzeit und zeigt sich auch so, allerdings mit einem ganz anderen Gefühl, als ich persönlich es aus dem Genre kenne. "Phantasmen" gibt sich geheimnisvoller und gerade durch den grandiosen Schreibstil holt es einiges an Tiefe und Wärme auf.


So glänzen auch die Figuren, wenn auch nicht in demselben Licht wie das Szenario. Die Charaktere sind allesamt gut gezeichnet, haben mich aber streckenweise nicht so gut erreichen können, wie ich es mir gewünscht habe. Der letzte Schritt hat hier gefehlt, was aber nicht heißt, dass man die Figuren nicht lieb gewinnt - ganz im Gegenteil: hat man erst einmal einen Narren an der verrückten und ungewöhnlichen Emma gefressen, kann man sich kaum noch davon lösen. Trotz detaillierter Hintergrundgeschichte blieb mir Rain größtenteils fremd, was jedoch nicht dazu geführt hat, dass ich weniger mitgefiebert hätte. Allerdings hatte ich immer das Gefühl, sie bleibt charaktertechnisch ein wenig hinter den großen Schicksalen und Geschichten der anderen Figuren zurück.

Allerdings kann das auch mit dem interessanten und gut gelungen Ebenenspiel zusammenhängen - hier möchte ich gar nicht zu viel verraten, aber Kai Meyer ist es mit Bravour gelungen, zwei Deutungsebenen zusammenzuführen, sodass sicherlich die meisten auf ihre Kosten kommen können. Es passt einfach alles zusammen - von der Hintergrundstory über die Figuren bis hin zu den Details und der Auflösung. Zeitweise ein wenig "abgespaced" findet Meyer immer wieder Lösungsansätze, die plausibel klingen und schafft eine aufreibende Geschichte mit Verschwörungen, Experimenten und vermischt so Science Fiction mit Phantasie, Apokalypse mit Charakter. Luft anhalten und lesen!

"Phantasmen" ist ein phantastisches und mitreißendes Werk und eine gelungene und geschickte Mischung zwischen Science Fiction, Phantasie und Endzeit. Auf den ersten Blick ein spannender Actionstreifen, der einem das bekannte epische Blockbusterfeeling gibt, zeigt sich die Geschichte  auch noch auf einer anderen Ebene und wusste mich so zu begeistern. Zwar sind die Figuren nicht immer sehr Lesernah, dennoch konnte man sich leicht in dem Strom aus Ereignissen mitreißen lassen und in eine teils abgespacte, teils gruselige, teils faszinierende Welt abtauchen, die einen sicherlich so schnell nicht mehr loslassen wird. Unbedingt lesen!


Kai Meyer, geboren 1969, studierte Film- und Theaterwissenschaften und arbeitete als Journalist, bevor er sich ganz auf das Schreiben von Büchern verlegte. Er hat inzwischen über fünfzig Titel veröffentlicht, darunter zahlreiche Bestseller, und gilt als einer der wichtigsten Phantastik-Autoren Deutschlands. Seine Werke erscheinen auch als Film-, Comic- und Hörspieladaptionen und wurden in siebenundzwanzig Sprachen übersetzt. [via Carlsen]

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