|Rezension| "Die Geschichte von Blue" von Solomonica de Winter

12:26:00 PM

| Diogenes | Klappbroschur | 288 Seiten | €14,90 | Amazon |


Die dreizehnjährige Blue hat ihren Vater verloren und lebt gemeinsam mit ihrer kokainabhängigen Mutter Daisy in einem schmutzigen Zwei-Zimmer-Apartment in einem gefährlichen Stadtteil. Blue weiß, dass sie nicht wie die anderen Mädchen ist und flüchtet sich in ihre Besessenheit zu einem ganz bestimmten Buch, das ihr Vater ihr hinterlassen hat: "Der Zauberer von Oz". Fasziniert von der perfekten Welt des Buches und der Hauptfigur Dorothy, versucht Blue die Dinge in ihrer Welt in Ordnung zu bringen, um wieder ein zu Hause zu haben - und um den Mörder ihres Vaters umzubringen.



"Die Geschichte von Blue" ist ein außergewöhnlicher Roman voller doppelter Böden und Tiefe, den man fast bis zum Ende nicht einschätzen kann und der allein wegen dem jungen Alter der Autorin und den vielen Twists beeindruckend ist. Aber es wäre ungerecht, das Buch nur auf die siebzehnjährige Autorin zu reduzieren, denn "Die Geschichte von Blue" kann einiges mehr als das. Mit einer unfassbaren poetischen Leichtigkeit und einer melancholisch-düsteren Stimmung schafft Solomonica de Winter es, den Leser mit der ersten Seite zu fesseln und in die Geschichte hineinzuziehen, ohne dass dieser wirklich weiß, was ihn erwartet. Die Geschichte um Blue ist sicherlich ein Buch, auf das man sich einlassen und das man auf sich wirken lassen muss, damit es seinen Sog entwickelt. Zwar gibt es die ein oder andere längere Passage und einige Wiederholungen, die dazu führen, dass das Buch stellenweise etwas zäher wirkt, doch wenn man es erst einmal ausgelesen hat und alles mit ganz anderen Augen sieht, entfaltet die Geschichte erst seine wahre Wirkung.

Im Mittelpunkt steht, wie es der Titel bereits sagt, die dreizehnjährige Blue, die das Buch als eine Art Geschichte für ihre Therapeuten schreibt. Da sie nicht spricht, muss sie ihre Gedanken in gedruckte Worte fassen und möchte so ihre Geschichte erzählen. Blue ist, wenn auch kein sympathischer oder leichter, zumindest ein faszinierender Charakter, der einen nicht loslässt. Ihre Besessenheit von "Der Zauberer von Oz" und all die anderen Dinge, die ihre wahnsinnig wirkende Figur ausmachen, lassen sie unheimlich und gefährlich wirken. Als Leser konnte ich mich die ganze Zeit über nicht zwischen Angst und Mitgefühl entscheiden, denn ich wusste sie einfach nicht einzuschätzen. Das ist natürlich genauso gewollt und gibt der Geschichte eben die Wirkung, die sie braucht. Ähnliches gilt für die anderen Figuren in dem Buch, die allesamt wahnsinnig gut gezeichnet sind und der Geschichte Lebendigkeit verleihen, aber auch beinahe durchweg schwierige Figuren mit düsterer Atmosphäre sind.

Zum Plot darf man eigentlich gar nichts sagen. Das Buch muss man völlig unbedarft und unwissend lesen, um davon erfasst zu werden, wie eine große Welle. Die Geschichte steckt voller Überraschungen und jedes Wort über den Inhalt ist eigentlich schon ein Wort zu viel. Welche Themen eine Rolle spielen? Familiäre Umstände, Liebe, Freundschaft, Mord und viele weitere Dinge, die am Ende dann aber doch ganz anders sind, als man denkt. Der besondere Kern der Geschichte liegt wohl vor allen Dingen in dem Schreibstil, der messerscharf und poetisch zugleich ist, sich flüssig lesen lässt und den Leser kurze Zeit zu Blue werden lässt. Neben einigen Längen ist der einzige Kritikpunkt teilweise das Ende, dass zwar einen absoluten Wow-Effekt hervorgerufen hat, mich aber auch noch neugieriger gemacht hat. Hier hätte de Winter gerne noch ein wenig mehr ausführen und ausschmücken können, damit man ein noch klareres Bild vor Augen hat. Irgendwie war es dann ziemlich schnell zu Ende und hat mich ein wenig unbefriedigt zurückgelassen, obwohl im Grunde alles geklärt wird.


"Die Geschichte von Blue" ist eine von diesen Geschichten, die man selbst erforschen muss. Man sollte nicht allzu viel über das Buch lesen, bevor man es nicht selbst schon gelesen hat, weil es sonst sein könnte, dass es nicht dieselbe Wirkung hat. Was ich aber über das Buch sagen kann, ist, dass es unglaublich gut geschrieben ist und eine außergewöhnliche, wie erschreckende Geschichte beherbergt, die mich in eine melancholisch-düstere Stimmung gezogen hat und mit einem Knall endet. Sicherlich keine leichte Kost und mit ruhigeren Tönen, die sich dann und wann ein wenig in die Länge ziehen, aber definitiv ein Buch, dass man sich ansehen sollte, wenn man dramatische Geschichten mit Überraschungen mag.

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